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Marina
Brunner und Anja Kirchner Die Geschichte des Hauses Nürnberger Straße 58
Die Geschichte der Familie Bing Der Hopfenhändler Salomon Bernhard Bing aus Memmelsdorf, geb. 1818, erhielt 1853 das Bürgerrecht in Gunzenhausen. Er war in erster Ehe mit Babette Tuchmann aus Ühlfeld verheiratet, der Name seiner zweiten Frau ist unbekannt. Die Kinder von Salomon und Babette Tuchmann waren Ida
Ignaz
Adolf Von ihm ist nichts bekannt. Berthold
Anlässlich der Ausstellung „Siehe, der Stein schreit aus der Mauer“ im Jahr 1989 in Nürnberg stand im Ausstellungskatalog folgender Text: "1864 gründete Ignaz Bing mit seinem Bruder Adolf in Gunzenhausen ein Engrosgeschäft für Garn-, Band- und Kurzwaren. Zuvor war er als Reisender und Einkäufer im Kleinhandel tätig und volontierte im Bankgeschäft. 1865 eröffneten die Bings in Nürnberg einen Laden für Kurzwaren, später kam der Verkauf von Metall- und Galanteriewaren hinzu. Eine Spezialisierung auf Metallwaren erfolgte 1868. Nach der Reichsgründung vertrieb Bing die in Heimarbeit hergestellten neuen Gewichte und Maße sowie eine billige Petroleumlampe als Massenartikel. Da die Heimarbeiter mit der Herstellung der gefragten Artikel nicht mehr nachkamen, gründete Ignaz Bing in Nürnberg an der Scheurlstraße eine eigene Fabrikation. 1882 produzierte Bing mit 220 Arbeitern verschiedenste Artikel für Küche und Haushalt, Blechspielwaren, Gebrauchs- und Luxusgegenstände. Im selben Jahr erhielt die Firma auf der Landesausstellung für Gewerbe und Industrie eine goldene Staatsmedaille für ihre Produkte … Für seine Verdienste um die Entwicklung der Blechwarenindustrie wurde Bing 1891 mit dem Titel eines königlichen Kommerzienrates und 1910 mit dem eines Geheimen Kommerzienrates ausgezeichnet … Nach seinem Tod übernahm (der Neffe) Stefan Bing das 1919 in Bing – Werke AG umbenannte Unternehmen, das 1924 Konkurs anmeldete." Emil Bing, dessen verwandtschaftliche Beziehung zu der o. g. Familie nicht feststeht, war ebenfalls Unternehmer in Gunzenhausen. Als Ingenieur meldete er im Januar 1902 zum ersten Mal in Gunzenhausen ein Gewerbe an: eine Maschinenfabrik in der Hensoltstraße 13. Doch schon im November 1902 brennen Maschinenwerkstätte samt Dampfkesselhaus, Maschinenremise und Pferdestall gänzlich ab.
Daraufhin siedelt Emil Bing mit seiner Firma in die Nürnberger Straße 58 um. Das Gelände dort hatte er um 11.598 Mark erworben. Von 1903 bis 1914 baut und erweitert er ständig die Maschinenfabrik Bing. Unter anderem ist der Bau einer Dampfsäge, von Feuerungsanlagen, Lagerschuppen und einer eisernen Gerätehalle verzeichnet. Im Jahr 1916 verkauft er jedoch die ganze Firma um 90.000 Mark an Sigmund Bergmann. Es ist nicht bekannt, wohin Emil Bing anschließend gezogen ist. Die Geschichte der Familie Bergmann Lazarus Bergmann, geb. am 03.02.1850 in Dittenheim, erwirbt 1877 das Bürgerrecht von Gunzenhausen. Den Stammbaum der Familie kann man unter Nürnberger Straße 17 finden, wo seine beiden Brüder Isaak und Isidor mit ihren Familien wohnten. Lazarus erbt von seinem Vater Levi das Haus an der Promenade 1, direkt an der Altmühl. Dort lebt er mit seiner Frau Fanny, geb. Rosenberger, aus Ederheim und setzt den Landesprodukten-, Vieh- und Getreidehandel seines Vaters fort. Das Ehepaar hat acht Kinder, drei davon sterben schon sehr früh. 1880 verkauft Lazarus das elterliche Anwesen und erwirbt das Haus in der Krankenhausstraße 10. Die älteste Tochter Emma, am 09.12.1878 in Gunzenhausen geboren, heiratet 1902 den Pferdehändler Samuel Schimmel aus Pappenheim, wo das junge Paar auch einige Jahre lebt. Doch bald kehren sie mit ihren beiden Kindern zurück nach Gunzenhausen in die Krankenhausstraße. Beide sterben schon vor Beginn des Dritten Reiches. Das Schicksal ihrer beiden Kinder Thesi und Bertha ist bisher leider unbekannt. Die Tochter Emilie, geb. am 07.09.1885 in Gunzenhausen, heiratet 1908 David Gunzenhäuser, den Sohn des Feuchtwanger Bankiers und Vorsitzenden der dortigen israelitischen Kultusgemeinde Jakob Gunzenhäuser und dessen Frau Jette, geb. Gutmann. Die wohlhabende Bankiersfamilie hatte der Synagoge in Feuchtwangen ein Toraschild zur Verfügung gestellt, das sie offensichtlich vor ihrer Emigration noch retten und später dem Jewish-Museum in New York übergeben konnte, wo es sich heute noch befindet.
© Theodor Harburger: ‚Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern’ Band 2 Auch David Gunzenhäuser ist Bankier und wird 1936 wegen eines angeblichen Vergehens gegen das Kreditgesetz zusammen mit seiner Frau Emilie und dem einzigen Sohn verhaftet. Nach seiner Freilassung wird er nach Nürnberg ausgewiesen und wandert 1939 nach Großbritannien aus. Der Sohn Eduard, geb. 29.05.1910, kann nicht mit seinen Eltern ausreisen, er kommt im Lager Izbica ums Leben. Unter http://www.geschichte-feuchtwangen.de/Band3/Gunzenha.htm ist seine tragische Geschichte nachzulesen. Die jüngste Tochter Betti, geb. 15.07.1888 in Gunzenhausen, heiratet 1910 den Kaufmann Louis Heimann aus Göppingen, wo das Ehepaar auch lebt. Von dort werden beide in Konzentrationslager deportiert. Betty kommt in Auschwitz ums Leben, ihr Mann Louis 1943 in Theresienstadt. Es ist nicht bekannt, ob das Ehepaar Kinder hatte. Der Sohn Sigmund, geb. 08.01.1883 in Gunzenhausen, erwirbt am 28.06.1916 von dem jüdischen Fabrikanten Emil Bing das Haus und die Maschinenfabrik in der Nürnberger Straße 58 um 90.000 Reichsmark. Er löst die Bing’sche Maschinenfabrik auf und betreibt in dem Gebäude zusammen mit seinem Vater einen Getreidehandel. Doch schon im März 1919 übergibt er den Betrieb seinem Bruder Adolf und zieht nach Kleinerdlingen, wo er die Schlossbrauerei erwirbt. Dort betreibt er eine Malz-, Karamalz- und Malzkaffeefabrik. Mit Gretl Schönwalter aus Markt Berolzheim verlobt er sich im Juni 1919. Doch noch vor der Hochzeit verstirbt er am 30.07.1919 in Nördlingen. Sein jüngerer Bruder Adolf, geb. am 10.05.1884 in Gunzenhausen, heiratet am 26.10.1919 Ida Feuchtwanger, geb. am 27.02.1892 in Sulzbürg. Das Ehepaar hat zwei Söhne:
Da auch der Vater inzwischen verstorben ist, betreibt Adolf das Getreide-, Futter- und Düngemittelgeschäft in der Nürnberger Straße allein weiter. Nebenan in der Sichlinger Straße baut er für seine Familie ein neues Wohnhaus.
Das Wohnhaus in der Sichlingerstraße hatte er schon 1929 an Pfarrer Rösel aus Gundelsheim verkauft. So erlebt die Familie das Pogrom vom 25. März 1934 in der Krankenhausstraße. Adolf Bergmann wird in dieser Nacht inhaftiert wie viele andere jüdische Männer aus Gunzenhausen. Zwei Jahre bleibt er noch in der Stadt, doch der jüngere Sohn Hans wird schon 1934 in ein Lyzeum in Frankreich (Belfort) in Sicherheit gebracht. Am 28.01.1936 meldet sich die Familie nach Nürnberg ab. Hans ist bis 1938 in Frankreich und kann von dort in die USA auswandern. Am 20. Mai 1940 gelingt es auch seinen Eltern und dem Bruder in die USA auszuwandern.Beide Söhne leben dort noch heute mit ihren Familien: Ludwig Bergmann ist in Altoona in den USA gemeldet. Hans Bergmann lebte um 1958 in New York als Rechtsanwalt. Die beiden Anwesen in der Krankenhausstraße werden 1936 von dem Getreidekaufmann Georg Schömig erworben, der das Geschäft weiterführt. Quelle: Personendokumentation der jüdischen Bewohner Gunzenhausens von Werner Mühlhäußer. Nach dem Krieg wurden von der IRSO die Verkaufsbedingungen überprüft. Dazu musste von der Familie Bergmann eine Bestätigung eingeholt werden, dass der Hauskauf ohne Druck und zu einem reellen Preis getätigt worden war. Die Familie Schömig fand durch einen früheren Angestellten der Firma die Adresse der ausgewanderten Familie heraus. In einem Brief baten sie die Familie Bergmann, zu bestätigen, dass sie den vollen Kaufpreis erhalten habe. Herr Bergmann bestätigte den Erhalt des Geldes, äußerte aber, dass nicht der tatsächliche Wert des Hauses bezahlt worden sei. Herr Schömig musste daher den gleichen Preis noch einmal entrichten. Sein Sohn gibt den dadurch entstandenen Gesamtpreis des Hauses mit ca. 45.000 DM an. Familie Schömig erinnert sich, dass die Nachforderung direkt nach der Währungsreform 1948 kam. Nach der Geldabwertung verfügte kaum mehr jemand über größere Geldsummen, so dass es nicht leicht war, die Nachzahlung zu tätigen, obwohl sie sicher gerechtfertigt war. Leider ist die Adresse der Familie verloren gegangen, so dass wir sie bis heute noch nicht gefunden haben.
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