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Jüdisches Leben in Gunzenhausen



Katharina Krug und Martin Merk

Die Geschichte des Hauses Dr.-Martin-Luther-Pl. 2

Haus Dr.-Martin-Luther-Platz 2
Das Haus Dr.-Martin-Luther-Platz 2 im Jahr 1932

Baujahr

1801

 

Bauherr:

1802

Von Hiob Cramer, Bäcker und Amtsbürgermeister für 5.780 fl. errichtet

Besitzerwechsel:

1802 

An Schwager Johann Thomas Gerber, Bäcker und Amtsbürgermeister oo Maria Katharina Cramer

30.04.1813 Übernimmt Sohn Wolfgang Erhard mit Frau Elisabetha Barbara Gerber das Haus samt Kohlenhütte um 7.000 fl.
30.09.1851 Um 7.000 fl. an dessen Sohn Johann Carl Gerber, Ökonom oo Maria Veronika Rosa
10.11.1856 Gekauft um 7.500 fl. von Gumper Bergmann, Spezereihändler
08.10.1869 Um 11.000 fl. an Johann Peter Seßler, Kaufmann aus Lehrberg oo Margareta Emilie Hezner
16.01.1878 Um 18.857 Mark gekauft von Leopold und Moritz Eichbaum
22.03.1893 Der Anteil von Leopold Eichbaum im Erbgang an dessen Witwe Rosa
22.02.1894 Dieser Anteil um 8.000 Mark erworben von Moritz Eichbaum, Hopfenhändler. Zwischen 1894 und 1912 war hier Gunzenhausens zweite Apotheke, von Ferdinand Höß betrieben, untergebracht
24.02.1911 Geerbt von Sofie Eichbaum, geb. Levi
06.11.1911 Um 39.200 Mark an Johann Andres Hummel, Kaufmann (Ladenumbau 1912)
08.07.1919 Die Witwe Maria Margarethe Hummel, geb. Eiden, mit Kindern Lina, Maria und Frieda
08.11.1920 Zusammen mit zweitem Ehemann Hermann Hesselbarth, Kaufmann
10.12.1938 Die Witwe Margarete Hesselbarth
03.04.1943 Oskar und Frieda Bernreuther
12.07.1962 Vererbt an die Tochter Ursula Blindenhöfer
Ab 2004 Mitbesitzer ist deren Tochter Andrea Cudemo

Im Hinterhof des Anwesens befand sich eine Scheune, in der die Firma Eichbaum den Hopfen trocknete und lagerte.

Den untenstehenden Plan reichten die Brüder Eichbaum 1881 ein zur "Erbauung einer neuen Hopfendarre und eines Scheunenanbaues für die Herren Gebr. Eichbaum, dahier".

1911 erwarb das Ehepaar Johann Andres und Maria Margarethe Hummel das Anwesen von der Familie Eichbaum.

Kurz danach begann die Familie Hummel in dem hinteren Anbau eine Krautfabrikation und im Hauptgebäude eröffnete sie 1912 ein Lebensmittelgeschäft.

Die Nachkommen dieser Familie werden in der ehemaligen Hopfendarre demnächst eine Pizzeria eröffnen.


Ehepaar Johann Andres und Maria Margarethe Hummel

Interessant ist, dass im oberen Stockwerk dieses Hauses die Casinogesellschaft von Gunzenhausen ihre ersten Räume angemietet hatte. 

Das war in der Zeit von 1802 bis 1809, als Bürgermeister Gerber, bzw. seine Witwe Hausbesitzer waren.

Noch heute ist in diesen Räumen der Ofen von damals erhalten.


Das Haus Dr.-Martin-Luther-Platz 2 heute

Die Geschichte der Familie Leopold Eichbaum

Leopold Eichbaum wurde als zweites von vier Kindern des Ehepaares Mendel Eichbaum und Janette, geb. Heymann am 05.04.1846 in Gunzenhausen geboren. In dieser Zeit wohnten sie in der Waagstraße 6.


Das Haus Waagstraße 6 heute

Leopold wurde Kaufmann und heiratete Rosa Hecht aus Bamberg. Das junge Ehepaar kaufte 1878 zusammen mit dem Bruder Moritz Eichbaum das Haus am Dr.-Martin-Luther-Platz 2. 

Dort betrieben sie wahrscheinlich auch ihren Hopfenhandel. Die Eltern lebten bis 1872 in dem Haus  Waagstraße 6.

Das Ehepaar hatte sechs Kinder:

Max Eichbaum * 19.08.1876 in Gunzenhausen
+ 04.07.1882 in Gunzenhausen
 
Bernhard Eichbaum * 10.10.1878 in Gunzenhausen
+ 20.07.1882 in Gunzenhausen
 

Zion Eichbaum          

© Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Shoa

* 10.10.1883 in Gunzenhausen
+ 16.11.1938 (Selbstmord) in Nürnberg)
Er ist in Nürnberg, Fürther Straße 4 a wohnhaft. 

Kurz nach der "Reichskristallnacht" beging er möglicherweise aus Verzweiflung über seine Situation als Jude Selbstmord

David Eichbaum * 23.09.1883 in Gunzenhausen
+ 20.05.1888 in Gunzenhausen
 
Adele Eichbaum * 25.05.1887 in Gunzenhausen Sie heiratet am 31.05.1909 in Gaustadt bei Bamberg Theodor Lebrecht, * 25.05.1887; Kaufmann. Um 1939 lebt die Witwe in Nürnberg, Fürther Straße 4 a. Auf ihrer in Nürnberg ausgestellten Kennkarte ist vermerkt, dass sie am 11.08.1941 nach New York ausgewandert ist

Friedrich Eichbaum

und seine Frau Erna

© Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoa

* 16.12.1888 in Gunzenhausen;
für tot erklärt zum 08.05.1945; Kaufmann
Friedrich ist schon vor 1914 nach Nürnberg verzogen. Er nimmt am Ersten Weltkrieg teil und wird schon im November 1914 mit dem Militärverdienstkreuz 2. Klasse mit Krone und Schwertern ausgezeichnet.

Er wohnt nach dem Krieg wieder in Nürnberg. Dort ist er um 1939 unter Rudolfstraße 29, um 1942 in der Findelwiesenstraße 26 gemeldet. Am 24.03.1942 wird er von Nürnberg nach Izbica deportiert und ist dort verschollen.

Verheiratet ist er mit Erna, geb. Neumann aus Coburg.

Leopold Eichbaum verstarb im Jahre 1893 im Alter von erst 46 Jahren. Seine Witwe verkaufte daraufhin ihren Hausanteil an den Schwager Moritz Eichbaum.

Die Familie Eichbaum hat offensichtlich Gunzenhausen daraufhin verlassen, denn im Adressbuch von 1906 ist Rosa Eichbaum nicht mehr genannt. Vielleicht ist sie zu ihren Kindern nach Nürnberg gezogen.

Von den sechs Kindern Leopold Eichbaums hat nur die Tochter Adele das 3. Reich überlebt, drei starben allerdings schon im Kindesalter.

Die Geschichte der Familie Moritz Eichbaum

Moritz Eichbaum, der Bruder von Leopold, wurde als jüngster Sohn des Handelsmannes Mendel Eichbaum am 30.04.1853 geboren. Moritz übte den Beruf des Hopfenhändlers aus und gründete zusammen mit seinem Bruder Leopold Eichbaum später ein eigenes Geschäft. Er heiratete  Sofia Levi aus  Archshofen bei Rothenburg.


Aus dem Gunzenhauser Anzeigeblatt vom Juni 1880

Das Ehepaar hatte zwei Kinder:

Martin Eichbaum * 03.05.1882 Er heiratete Elsa Bauer, * 01.07.1891. Martin Eichbaum war um 1939 in Nürnberg, Kaulbachstraße 13 gemeldet. Wohnanschrift 1958: 3236 A Street, Lincoln, Nebraska, USA
Adolf Eichbaum * 06.07.1884 in Gunzenhausen Er lebte um 1939 in Brüssel/Belgien

Dem Häuserregister können wir eine häufige An- bzw. Abmeldung von Geschäften entnehmen, die Moritz Eichbaum zusammen mit seinem Bruder Leopold und später allein betrieben hat. Auch in Nürnberg hatte er eine Zweigstelle seines Betriebes angemeldet. So ist vielleicht zu erklären, dass viele der Eichbaum Kinder in Nürnberg wohnten.

Als Moritz Eichbaum im Februar 1911 starb, verkaufte seine Witwe Sofia das Haus an Johann Andres Hummel,  d. h. keiner ihrer beiden Söhne übernahm es.

Wahrscheinlich sind beide Witwen, Rosa und Sofia, zu ihren Kindern nach Nürnberg gezogen, denn keine ist nach dem Tod ihres Mannes noch in Gunzenhausen gemeldet. Auch alle überlebenden Kinder haben die Stadt schon vor dem Dritten Reich verlassen.

Wir werden im Stadtarchiv Nürnberg anfragen.

Von Martin Eichbaum wissen wir, dass er in die USA emigrieren konnte. Im Jahr 1958 war seine Wohnanschrift

3236 A Street, Lincoln
Nebraska
USA

Wir werden einen Brief dorthin senden, vielleicht leben noch Nachkommen von ihm in diesem Ort.

Sein jüngerer Bruder Adolf lebte um 1939 in Belgien, er war in Brüssel gemeldet. Sein weiteres Schicksal ist uns leider unbekannt.

Die Antwort des Stadtarchivs Nürnberg kam am 2003-12-22 

Zu den von Ihnen gesuchten Personen konnten in unserem Bestand C 21/III Einwohnermelderegister und -karteien folgende Informationen gefunden werden:

Zion Eichbaum, Kaufmann, geb. 10.10.1883 in Gunzenhausen, Eltern Leopold und Rosa, geb. Hecht, in Nürnberg seit 1908, ledig, Freitod am 16.11.1938, vermutlich im Zusammenhang mit der "Reichskristallnacht" (Quelle: C 21/III Nr. 1979).

Martin Eichbaum, Hopfenhändler, geb. 03.05.1882 in Gunzenhausen, Eltern Moritz und Sophie, geb. Levi, in Nürnberg seit 1912, verheiratet, 1 Tochter, am 06.09.1939 abgemeldet nach London (Quelle: C 21/III Nr. 1979).

Friedrich Eichbaum, Kaufmann, geb. 16.12.1888 in Gunzenhausen, Eltern Leopold und Rosa, geb. Hecht, in Nürnberg seit 1919, verheiratet, 1 Sohn (abgemeldet am 31.07.1939 nach London), mit der Frau deportiert am 24.03.1942 von Nürnberg nach Izbica, verschollen (Quellen: C 21/III Nr. 1979 und Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoa, Nürnberg 1998 u. 2002).

Adele Lebrecht, geb. Eichbaum, Fabrikbesitzerswitwe, geb. 25.05.1887 in Gunzenhausen, Eltern Leopold und Rosa, geb. Hecht, in Nürnberg seit 1909, am 11.08.1941 abgemeldet nach New York (Quelle: C 21/III Nr. 1982).

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Jochem

Stadt Nürnberg
Stadtarchiv
90317 Nürnberg

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Last updated 12.12.2006 by Franz Müller