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Jüdisches Leben in Gunzenhausen

 

Michael Glas und Dominik Hoff

Die Geschichte des Hauses Waagstraße 8


Das Haus Waagstraße 8 heute

Baujahr:

Unbekannt

Bauherr:

Löw Jud

Besitzerwechsel:

1715 Löw Jud

1734 Sigmund Bronnenmeier, Drechsler
1743 Isaak Ascher Löw; ihm wird 1756 eine herrschaftliche Gnade bewiligt, was auf einen Hausbau schließen lässt.
Um 1799 Ascher Löw, Handelsmann
10.05.1844 aus dem Nachlass an Tochter Kaja Rößlein
13.05.1844 Moises Rhau, Vorsänger für 780 fl.
26.12.1868 um 2.000 fl. an dessen Witwe Hanna
28.12.1871 um 2.150 fl. erworben von Rosa Bergtheil aus Dittenheim
13.03.1881 gekauft von Julius Schapiro, Silberwarenhändler, um 2.919 M
03.06.1897 im Erbgang an die Kinder Albert, Mali und Louise
1897 um 4.000 M verkauft an Karolina Schapiro
24.02.1919 David Wild, Handelsmann aus Cronheim
14.07.1926 Emmi Wild
24.03.1930 Karl Pfitzer und Babetta Karl (1958 Einbau einer Garage)

Die Geschichte der Familie Schapiro

Julius Schapiro, geboren am 28.11.1843 in Gradno/Russland, Sohn von Moses Schapiro und Lea Schtraschun aus Gradno, war Vorbeter, Schächter und Kaufmann (Silberwaren). Er heiratete am 17.10.1876 in Gunzenhausen Karoline Orthal, geboren am 01.02.1853 in Altenmuhr. Sie war Tochter von Handelsmann Isaak Bär.

Das Ehepaar hatte drei Kinder:

Albert

geboren am 27.07.1877 in Gunzenhausen, war Kaufmann und Redakteur. Er heiratete Paula Hartheimer. Ihre Tochter Ilse wurde am 20.11.1918 in Frankfurt/Main geboren.1926 zog die Familie von Frankfurt nach Gunzenhausen, dort wohnte sie zunächst auch in der Waagstraße 8, doch später in der Nürnberger Straße 54. Am 24.09.1932 hat sich das Ehepaar nach Berlin abgemeldet.

Amalie

geboren am 21.03.1879 in Gunzenhausen. Am 17.08.1908 erscheint im „Altmühl-Boten“ ihre Verlobungsanzeige mit Ludwig Meyer aus Nürnberg. Sie wurde um 1934 Eigentümerin des Hauses Nürnberger Straße 54. 1939 zogen sie nach Berlin-Babelsberg. Amalie starb am 17.05.1942 in Berlin-Wedding.

Louise

wurde am 21.03.1879 in Gunzenhausen geboren. Sie zog um 1939 genau wie ihre Schwester nach Berlin-Babelsberg.

1881 erwirbt Julius Schapiro das Haus Waagstraße 8 um 2.919 M.

1896 wird die Ehe von Julius und Karolina Schapiro durch ein Urteil des Landgerichtes Ansbach geschieden und 1897 geht das Haus in der Waagstraße an die Kinder über. 1928 verstirbt Karolina Schapiro in Gunzenhausen.

Interessant sind die geschäftlichen Aktivitäten von Julius Schapiro, die den Eintragungen in den Gewerberegistern zu entnehmen sind.

Er meldete sehr häufig neue Geschäftszweige an bzw. alte ab.

U. a. handelte er mit Versicherungen, Wein, Schuhen, Hopfen, Buchenholzkohle, Silberwaren und fertigte zeitweise Zigaretten bzw. Strickwaren.

Frau Betty Rosenbaum aus der Burgstallstraße 4 berichtete uns, dass eine Bertl Honig mit ihr zusammen die Realschule besucht habe, später habe sie Bertl Schapiro geheißen.

In der Stadtratsitzung vom 11.07.1929 wird die Einbürgerung der Berta Schapiro, früher Berta Honig, polnische Staatsangehörige, in den bayerischen Staatsverband bekannt gegeben. Leider wissen wir nicht, in welcher Beziehung sie zu dieser Familie Schapiro stand.


Bertl Honig im Jahre 1925 mit ihrer Abschlussklasse der Realschule Gunzenhausen

Die abgebildeten Entlassschüler von links oben:
unbekannt, Fräulein Reichel (Marktplatz 5), Hans Büller, Josef Frei, Otto Hertlein, unbekannt, Bertl Honig (umgekommen im KZ), Unbekannt, Emma Rottenberger (Verlobte von Kurt Bär)
Vordere Reihe von links:
Else Lichtenststern, Heidi Sperl, Betty Eisen, Paul Hellmann. 
Theodor Theilheimer, Else Danner, Karl Minderlein, unbekannt

(siehe Burgstallstraße 4)

Auch zu den übrigen Familienmitglieder haben wir bisher keinen Kontakt.

Die Geschichte der Familie Wild

David Wild, Viehhändler und Landwirt aus Cronheim, erwirbt 1919 das Haus Waagstraße 8. Sieben Jahre später, im Jahr 1926, geht das Anwesen an seine Tochter Emmi über, die es jedoch 1930 an Karl Pfitzer und Babetta Carl veräußert.

Am 24. Juni 2009 sandte uns Elizabeth Ida Posva aus Brasilien Informationen  und Fotos über die Familie Wild:

My name is Elizabeth, alive Brazil and I am granddaughter of Betty Wild (1940 traveled Germany to Brazil) it excels of 2 degree of Emmi Wild, that was of the house it Marries Waagstrasse 8. David Wild was brother of Isaac Wild grandfather of Betty Wild.

Wild, David

Handelsmann, * 26.12.1866 Dormitz/Bezirksamt Forchheim,  + 20.02.1934 Cronheim.
(Sohn von Isaak W., Handelsmann und Amalie Uhlfelder)

oo

Babette Kettner * 02.01.1865 Cronheim
(Tochter von Salomon K., Kaufmann und Rosina Rosenstein). Die Witwe meldet sich 1936 aus Cronheim ab.

Kinder

Klara,  * 25. 07.1894 Cronheim, verschollen im Lager Piaski (Durchgangsghetto für den Weitertransport in die Vernichtungslager Majdanek und Belcez); für tot erklärt. 

 oo 27.8.1919 Cronheim  Heinrich Fleischmann, Metzger aus Altenmuhr 

Betty,   * 06.08.1895 Cronheim, verschollen im Lager Piaski (Durchgangsghetto für den Weitertransport in die Vernichtungslager Majdanek und Belcez); für tot erklärt 

             oo (N) Weimersheimer

Emmi,  * 31.07.1896 Cronheim; lebt in Buttenwiesen, von dort aus deportiert; verschollen im Lager Piaski;  

oo (N) Neuburger

Gertraud,  * 30.3.1898 Cronheim; 

oo (N ) Einstein

Frida,  * 18.12.1901 Cronheim; 

oo (N) Einstein

Martha,  * 12.06.1905 

oo 1936 (N) Feissel

Sonstiges

David Wild war 1924 Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde Cronheims.

 

 

 

 

 

Oben: Isaak Wilds Haus in Cronheim
Rechts: Isaak und Amalie Wild, geb. Uhlfelder

© Elizabeth Ida Posva

Reisepass der Betty Wild 

E-Mail von Elizabeth Ida Posva

Juni 2009

Mein Name ist Elisabeth, ich lebe in Brasilien und bin eine Enkeltochter von Betty Wild, die 1940 von Deutschland nach Brasilien ausgereist ist.  Sie ist die Cousine von Emmi Wild, die das Haus in der Waagstraße 8 geerbt hat. David Wild war der Bruder von Isaac Wild, dem Großvater von Betty Wild.

Meine Großmutter Betty Wild hat im Jahr 1940 mit ihrem Mann Wilhelm Hahn und den beiden Töchtern Edith und Eleonore Ida Deutschland verlassen und auf einem italienischen Schiff Brasilien erreicht. Edith (meine Mutter) war damals drei Jahre alt und Eleonore Ida vier Jahre. 

Meine Großmutter berichtete, dass während des Naziregimes die Polizei gewaltsam in ihr Haus eingedrungen sei. Und sie sah noch die Aufmärsche der Nationalsozialistischen Partei.

Aufgrund der Zustände damals, bekam sie ihr zweites Kind schon nach sieben Monaten, so dass meine Mutter ohne Fingernägel und Haare geboren wurde, denn sie war eine Frühgeburt.

Ihr Mann Wilhelm ist festgenommen worden, meine Großmutter bezahlte, damit er von den Nazis wieder freigelassen wird.

In der Reichskristallnacht haben sie ihnen die Fenster eingeschlagen - über der Wiege meiner Mutter und meiner Tante. In dieser Nacht versteckte sich einer ihrer Cousins auf dem Dach, mit seinem Sohn im Arm.

Während der Reise nach Brasilien 1940 hielt ihr Schiff in Frankreich an und alle Männer wurden zur Fremdenlegion gebracht. Mein Großvater konnte sich mit Hilfe des Kapitäns verstecken, so dass er bei seiner Familie blieb. So kamen sie in Brasilien an ohne die Sprache zu sprechen und ohne irgendetwas zu besitzen. Wie traurig.
Die Mutter von Betty Wild war Sara Wild, die Witwe von Ferdinand Wild. Sie lebte im selben Haus mit Betty Wild. Doch sie bekam vom Roten Kreuz keine Erlaubnis zur Ausreise aus Deutschland. 

So ist sie nach der Abreise meiner Großeltern nach Riga deportiert worden (1941), wo man sie im Wald von Rumbula erschoss. Sie starb nicht in Auschwitz, wie an manchen Stellen geschrieben worden ist. 

Ihr Sohn Heinrich sah, wie die Nazis seine Mutter mitnahmen, doch er konnte nichts dagegen tun. Sie hatte nur einen kleinen Koffer bei sich. Sie verbrachte drei Tage und drei Nächte im Zug, bis sie am Ziel war. Lt. der Deportationsliste dieses Tages haben nur drei Menschen überlebt, die davon berichtet haben.

Sara Wild (geb. Hess) kam aus der Stadt Fulda. Eine ihrer Schwestern starb in Sobibor. 

Ich sende Ihnen die Seite der Familie Hess, wo irrtümlich geschrieben steht, dass Sara in Auschwitz gestorben sei. 

Ferdinand Wild, der Mann von Sara, arbeitete im Pferdehandel, den er von seinem Vater geerbt hatte. Er wurde in Dormitz geboren. Ich entdeckte das Haus seines Vaters Isaac Wild und die Synagoge, 1740 in Dormitz gebaut und 2004 abgerissen. 

Das Haus stammte von den Vorfahren von Isaacs Frau Amalie, geb. Uhlfelder.

Ein Freund bestellte per Mail Stücke von Steinen der Synagoge in Dormitz. Darüber habe ich mich sehr gefreut. 

Mein Leben hier in Brasilien ist sehr einfach. Ich bin 38 Jahre alt, geschieden und habe zwei Kinder: Gabriel ist 16 Jahre und Nehama ist 7 Jahre alt. Meine Mutter Edith ist inzwischen Witwe und lebt bei uns. 

Ihre Schwester Eleonore starb vor 7 Monaten. Sie hinterließ 3 Kinder und 5 Enkel.

Seit 12 Jahren arbeite ich in der Jüdischen Gemeinde von Sao Paulo, wo ich mich um koschere Lebensmittel kümmere. 

Ich mag die jüdischen Traditionen, meine Kinder besuchen eine jüdische Schule.

Meine Schwester Esther Posva hat drei Kinder, eine Tochter ist mit einem Rabbi verheiratet, der für die Synagoge in Sao Paulo zuständig ist. 

Über Deutschland möchte ich gerne viel erfahren. 1999 habe ich schon mal einige Stunden auf dem Flughafen in Frankfurt verbracht, als Zwischenstopp auf dem Weg nach Israel. Es war bewegend.

Ich freue mich sehr darüber, dass Sie unsere Geschichte in Ihr Projekt und in Ihre Seiten aufnehmen. 

Gabriel und seine Schwester Nehama Sheyla Posva

 

Namenliste „Haus Waagstraße 8“

 * Geburtsjahr             & verheiratet mit       ( ) Jahr des Besitzerwechsels

Bär, Isaak, Vater von Karoline Orthal
Bergtheil, Rosa (1871)
Bronnenmeier, Sigmund (1734)
Hartheimer, Paula & Albert Schapiro
Honig, Bertl (Berta)
Jud, Löw (1715)
Karl, Babetta und Karl Pfitzer (1930)
Löw, Isaak Ascher (1743)
Löw, Ascher (1799)
Meyer, Ludwig, Verlobter von Amalie Schapiro
Orthal, Karoline * 1853, & Julius Shapiro (1881)
Pfitzer, Karl und Babetta Karl (1930)
Rhau, Moises (1844) & Hanna NN
Rhau, Hanna, Witwe von Moises Rhau (1868)
Rößlein, Kaja (1844) Erbteil von Ascher Löw
Rosenbaum, Betty
Schapiro, Moses & Lea Schtraschun
Schapiro, Julius * 1843, (1881) & Karoline Orthal * 1853
Schapiro, Albert * 1877 & Paula Hartheimer. Ihre Kinder Mali * 1879 und Louise * 1879 erhielten das Haus (1997) nach dem Tod ihrer Eltern 1896
Schapiro, Karoline, geb. Orthal (1897)
Schapiro, Ilse * 1918 Tochter von Albert und Paula Schapiro
Schtraschun, Lea & Moses Schapiro
Wild, David (1919)
Wild, Emmi,  Davids Tochter (1926) 

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Last updated 2010-04-27 by Franz Müller