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Heinrich Frank

Die näheren Umstände des Todes von 
David Bermann

 

Der Verdacht fällt auf Karl Bradl aus Viechtach

Der Raubmord an Xaver Bauer wird auch mit einer Verzweiflungstat, wohl aus Existenznot, geschehen am 18. November 1902, also ein Jahr danach, in Verbindung gebracht. [i]

Der 58 Jahre alte Sattlermeister Karl Bradl, geboren 1843 in Straubing und in Viechtach verheiratet in zweiter Ehe mit Josefa Maier aus Thalersdorf, kam bei einem Brand im Jahre 1891 und später wegen zweier Zivilprozesse in große finanzielle Schwierigkeiten. [ii] 

Bradl, an sich kein Geschäftsmann, verliert bald die Übersicht über seine Hypotheken und privaten Schulden. Die Schulden erreichen zuletzt eine größere Summe als sein Anwesen an Wert hat.

Jetzt meldet sich auch noch der Rohwarenlieferant Bermann aus Gunzenhausen und will bei Bradl für nicht bezahlte Lieferungen abkassieren. 

Für Karl Bradl steht damit fest, der Geschäftsmann und Jude Bermann ist an allem schuld und er will ihn, in der Überlegung, dass Bermann einiges Geld bei sich trägt, mit Hilfe seines ältesten Sohnes Max beiseite schaffen.

Bermann hat bei Sattlern und Schuhmachern tatsächlich keinen guten Ruf. Er gewährt erst großzügige Kredite, um anschließend überhöhte Zinsen zu einzutreiben. 

Als nun der 22-jährige David Bermann am 18. November 1902 Karl Bradl in seinem Haus in Viechtach, Marktplatz Nr. 4, wegen ausstehender Schulden aufsucht um abzukassieren, wird er von Karl Bradl und seinen Söhnen Max und Adolf in der Werkstatt erwürgt. 

Weil der junge David Bermann schon einmal über Wochen abgängig war, wird anfangs seine Abwesenheit auch aus dieser Sicht betrachtet. Die Familie Bermann [iii] setzt aber eine Belohnung von 200 Mark für sachdienliche Hinweise aus, die sie kurz darauf auf 400 Mark erhöht.

Das Verschwinden von David Bermann wird anfänglich der u. a. im hiesigen Raum tätigen Schmadererbande zugeschoben. Josef Schmaderer und einige seiner Genossen waren im November 1901 nachweislich in Viechtach aktiv.

Der Vater von David Bermann, Bernhard Bermann, kann jedoch im Polizeipräsidium in München keine der bei dieser Bande eingezogenen Gegenstände identifizieren.

Durch die Aussage einer aufmerksamen Frau wird der Raubmord dann recht schnell aufgeklärt. Das kgl. Bezirksamt notiert: [iv]

      Viechtach, den 23. Dez. 1902

1. Heute, 8 ½ rapportierte Wachtmeister Bauer folgendes: 

„Gestern Abend erfuhr ich ... von der Inwohnerin Altmann, die bei Bradl wohnt, daß am 18. Nov. gegen 11 Uhr Vormittag Bermann zum zweiten Male zu Bradl in die Werkstätte kam. Bald darauf habe sie ein gurgelndes Geräusch aus dieser gehört, schaute hinüber und sah jemand am Boden liegen ... Sie lief zu Frau Bradl und fragte, was denn los sei, worauf diese erwiderte, es sei nur der Reisende hinten, da werde es halt was geben. 

Bald darauf sah Altmann, daß die beiden Bradl eine Graskürbe mit Seegras bedeckt herausbrachten und fortfuhren. Sie dachte, was müsse denn das sein, daß die Zwei an der Kürbe so schwer tragen ...“.

Wachtmeister Bauer wurde angewiesen, sofort Haussuchung zu halten ...

                                                                                kgl. Bezirksamt J.V. Fischer 

Der Amtsrichter am Amtsgericht Viechtach erlässt am 23. Dezember 1902 gegen Karl Bradl und seinen 22-jährigen Sohn Max Haftbefehl. 

Die beiden Bradl bestreiten zuerst, den Bermann umgebracht zu haben. Aufgrund der erdrückenden Beweise machen sie dann aber ein umfassendes Geständnis.

Die Leiche des Bermann wird am 10. Februar 1903 in Chamerau aus dem Regen gefischt.

Einige Monate später lastet die Staatsanwaltschaft Karl Bradl auch den Raubmord an Xaver Bauer an. Xaver Bauer soll sich nämlich am Vormittag des 21. Oktober 1901 einige Male an dem Verkaufsstand des Karl Bradl, den dieser auf dem Ochsenkirta aufgeschlagen hatte, aufgehalten und mit Bradl gesprochen haben.

Bezeugen kann dies die Seilereibesitzerin Maria Thalhammer. Andere Personen geben der Gendarmerie an, dass Bradl außerdem am Nachmittag des 21. Oktober 1901 in Arnbruck auf der Stör gearbeitet haben soll.

Bradl werden durch den Staatsanwalt in Deggendorf mehrere Straftaten vorgeworfen:

                        1. Brand bei Bradl in Viechtach  
                        2. Körperverletzung an (seiner Frau) Josefa Bradl
                        3. Raubversuch an Josef Wagner von Kötzting 
                        4. Raubversuch an Josef Kölbl von Brandten 
                        5. Raubmord an Xaver Bauer von Thalersdorf

Bradl, der in Deggendorf in Untersuchungshaft ist, wird nun von Staatsanwalt Petzold zu dem Mord an Xaver Bauer vernommen:

                                                                             Deggendorf, 13. Januar 1903

Der Sattlermeister Karl Bradl von Viechtach, wegen Raubmords an David Bermann... z.Z. hier in Untersuchungshaft, gibt auf Vorhalt an:

Den Xaver Bauer von Thalersdorf habe ich persönlich gekannt; ich habe aber denselben nicht erschlagen. Ich war an dem fraglichen Viehmarkt in Viechtach ...

Ich hatte damals auf dem Marktplatz, vis a vis des Rathauses einen Verkaufsstand, in dem ich Sattlerwaren verkaufte; ich war von Morgens ca. 9 Uhr bis Nachmittags 3 oder ½ 4 Uhr in diesem Verkaufsstand beschäftigt, dann ging der Markt zu Ende, dann schaffte ich meine Waren ... nach Hause, welche Arbeit ungefähr 1 Stunde dauerte. 

Ich bin jedesmal nach einem dortigen Markt ... ins Wirtshaus gegangen u. habe dies auch damals gethan; ich ging in das Wirtshaus, wo damals Gesellschaftstag des Wandervereins war, welches das war, weiß ich nicht mehr. Als Zeugen kann ich nennen:

  1. Josef Bradl, Sattler in Viechtach, mein Bruder

  2. Josef Maier, Schmied in Viechtach

  3. Ludwig Thalhammer, Seiler in Viechtach

  4. Peter Ludwick, Sattler in Viechtach

Dieselben hatten Verkaufsstände in der Nähe meines Standes. Zum Heimbringen der Waren hat mir mein Sohn Adolf geholfen ...

Ich bin gegen 7 Uhr Abends aus dem Wirtshaus heimgegangen ... Den Xaver Bauer habe ich auf dem fraglichen Markt gar nicht gesehen.

Petzold, k. I. Sta.

 Bradl verweigert die Unterschrift unter das Protokoll.

Auch Max Bradl, der Sohn vom Karl, wird aus der Untersuchungshaft vorgeführt:

Deggendorf, 15. Januar 1903

Sattlerssohn Max Bradl v. Viechtach, hier in Unters. Haft, gibt auf Vorhalt an:

Ich habe den Xaver Bauer nicht gekannt; ich habe ihn nicht erschlagen; ich weiß nicht, wer es gethan hat; ich weiß nicht, ob es mein Vater gethan hat ...

Ich bin am Freitag oder Samstag vor der Allerweltskirchweih 1901 nach mehr als 3 J. Abwesenheit in der Fremde nach Hause gekommen; zuletzt vor meiner Heimkehr war ich in Landshut 14 Tage wegen Bettelns eingesperrt; dann hielt ich mich noch 3 Tage bei meinem Bruder ... Carl Bradl ... in Landshut auf 

Am Kirchweihmontag war ich den ganzen Tag in Viechtach; wo ich mich Nachmittags u. gegen Abend aufgehalten habe, weiß ich nicht mehr ...

Max Bradl            Petzold,  k. I. Sta.

Auch die Ehefrau von Karl Bradl sowie deren Kinder Maria und der 15-jährige Adolf sind in Deggendorf in U-Haft und werden von Petzold vernommen. Sie können zur Sache keine sachdienlichen Angaben machen.

Am 9. u. 10. März 1903 fällt das Schwurgericht in Straubing die Urteile:  

Karl und Max Bradl trifft die volle Härte des Gesetzes - die Todesstrafe; die Ehefrau Josefa Bradl und ihre Tochter Maria werden freigesprochen. Adolf Bradl wird die Untersuchungshaft angerechnet und kann das Gerichtsgebäude gleichfalls als freier Mensch verlassen. 

Josefa Bradl macht in ihrer Verzweiflung am 12. März, acht Wochen vor der Hinrichtung ihres Mannes und ihres Sohnes Max, eine Dummheit: Sie markiert, dass sie überfallen worden sei. Nach der Behandlung im Krankenhaus wird sie von der Gendarmerie zur Rede gestellt, worauf sie zugibt, dass sie die ganze Geschichte selbst inszeniert habe, ... weil mich hier niemand mehr mag. [v]

Bradl bestreitet die Tat am Girnbauern bis zu seinem Tode am 15. Mai 1902. Er und sein Sohn Max werden an diesem Tag wegen Raubmordes an David Bermann in Straubing hingerichtet.

Darüber schreibt das Chamer Tagblatt in einer etwas idealisierten Fassung folgende Zeilen:

Straubing, 15. Mai. Die beiden Raubmörder Bradl wurden heute früh halb 7 Uhr im Hofe des Landgerichtsgefängnisses hingerichtet. Zuerst wurde der 22 Jahre alte Max Bradl, von 2 Geistlichen begleitet, in den Hof geführt. Mit ruhigem Blick musterte er die Anwesenden und bestieg, obwohl er heute Früh sichtlich gebrochen war, mit ziemlich sicherem Schritt, geführt von zwei Scharfrichtergehilfen und den beiden Geistlichen geleitet, das Gerüst. In der Nacht hatten die beiden Verurteilten ruhig geschlafen. Vor ihrem Tode hatten sie noch ... die Sterbesakramente empfangen und der junge Bradl darauf mit gutem Appetit sein Frühstück genommen. Die Morgensonne sandte ihm noch den letzten Gruß, als ihm im Hofe der Urteilstenor nochmals vorgelesen wurde. Die Hinrichtung selbst war in wenigen Sekunden vollzogen. Das Fallbeil wurde hierauf oberflächlich gereinigt und bezüglich seiner Schärfe einer Kontrolle unterzogen, die zu keiner Beanstandung führte. Alsdann wurde der Vater des Gerichteten, der 60jähr. Karl Bradl herbeigeführt, der mit stupiden Blick während der Verlesung des Urteilstenors die Umstehenden musterte. Ein Beben ging durch seinen Körper, als sich die Henkersknechte seiner bemächtigten, und der alte, schon ganz ergraute Mann fing an zu weinen. Inbrünstig küßte er das ihm dargereichte Kruzifix. Zur Hinrichtung waren außer den Urkundspersonen nur wenige Zuschauer, die sich aus Aerzten und Vertretern der Presse rekrutierten, zugelassen. Die Leichen der Gerichteten wurden unter kirchl. Assistenz auf dem Friedhofe beerdigt. Vor der Frohnfeste hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt ...


[i] Staatsarchiv Landshut/Rep.167/1 Nr.1088/LG Deg.: Die Angaben zu dem Fall wurden u. a. hier im Zusammenhang mit  dem Girnbauernmord entnommen | Unter Rep. 164/18 Nr. 344/Akten d. Bezirksamtes Viechtach „David Bermann“ sind Ermittlungsakten der Gendarmerie Viechtach eingelagert. Hier sind auch einige Ausgaben des „Viechtacher Wochenblatt“ zu dem Mord eingelegt | Aus „Viechtacher Bürger und ihre Häuser“ v. Spitzenberger E. Band 1, 1995 | Aus „Schöner Bayerischer Wald“ Nr. 74, 1990: „Glaubwürdiger Bericht über eine furchtbare Mordtat, verübt am      18. Nov. 1902 in Viechtach“ 

Lit.: „Tollkirschen im Blaubeersaft“ von Dachs Johann, 1995 (Enkel v. Michl Dachs) | „Die Baumhölzl-Chronik von Viechtach“ von Pohl Werner, Heft 13, 1977

[ii] Aus „Viechtacher Bürger und ihre Häuser“ v. Spitzenberger E. Band 1, 1995: Das Anwesen Bradl befand sich am Stadtplatz Nr. 4, jetzt Elektro Fronhofer

[iii] Stadtarchiv Gunzenhausen: Bernhard Bermann, geb.1849 in Thalmassing, Handelsmann, gest.1930 in Altenmuhr;  verheir. mit Johanna Neuburger, geb. 1857 in Thalmassing, gest.1920 in Gunzenhausen. 
Dessen Kinder: 1. David, geb. 2.7.1879 in Gunzenhausen, Handlungsreisender, 1902 in Viechtach ermordet; 2. Viktor, geb.1881, gef. 1916 in Maurepas; 3.Sigmund, geb.1882, Schuhhändler, verheir. mit Lina Lemle, 1935 nach Regensburg verzogen, verschollen im KZ Piaski; 4. Sophia, geb.1884, verheir. mit Leo Firnbacher aus Regensburg, war 1939 dort noch ansässig; 5. Lina, geb.1885, verheir. mit Heinrich Fink aus Altenmuhr; 6. Ida, geb.1888, verheir. Luchs, lebten in Buttenwiesen; 7. Josef, geb.1890, gest.1890; 8. Klara, geb.1893, verheir. mit Anton Spitz aus Weiden, nach Atlanta ausgewandert. Gewerbe der Familie Bermann: u.a. Tuch- und Schnittwarenhandel, Wollhandel, Baumwollgarnhandel, seit 1883  Lederhandel, seit Okt. 1902 Schuhwarenhandel; 1935 Gewerbeabmeldung und Verkauf des Schuhhauses durch Sigmund Bermann

[iv] Staatsarchiv Landshut/Rep.164/18 Nr.344/Akten d. Bezirksamtes Viechtach

[v]  Stadtarchiv Cham/Chamer Tagblatt 12.3.1903

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Last updated 20.12.2003 by Franz Müller