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Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Michael Glas und Dominik Hoff

 Die Geschichte des Hauses Gerberstraße 8



Das Haus Gerberstraße 8 heute

Bauherr:

Unbekannt

Baujahr:

Unbekannt

Besitzerwechsel:

1692 Wolfgang Leonard Hurrer, Schneider und Hochzeitslader.
Verheiratet mit Margaretha Barbara Ehrmann

17.07.1709 an Johann Michael Meyer, Metzger, um 312 fl.
1743 Georg Leonhard und Maria Barbara Grimm, Metzger
1765 Johann Balthasar Grimm, Metzger, um 500 fl.
1796 an die Witwe Anna Maria
07.10.1800 um 1.500 fl. an Johann Thomas Grimm, Metzger
1838 vom Schwiegersohn Johann Michael Dobel, Bäcker, für 2.500 fl. übernommen
14.08.1877 um 20.000 RM erworben von Karl Friedrich Steghöfer
19.08.1886 Johann Friedrich Bach, Bäcker, um 22.000 RM
24.02.1908 Johann Wolfgang Gräßel, Bäcker, um 34.000 RM
12.03.1913 erworben von den Brüdern Sigmund und Viktor Bermann um 32.500 RM. Schuh- und Lederwarengeschäft. (1913 Ladenumbau)
05.02.1919 geht der Anteil von Viktor Bermann an seine Eltern Bernhard und Johanna Bermann
02.07.1919 erwirbt Sigmund Bermann diesen Anteil
25.09.1935 um 26.000 RM an Gustav Hertlein, Buch- und Schreibwaren, Musikalienhandlung. Von 1946 bis 1971 von Gunda Seidel geführt
1983 Abbruch und Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses.

Quelle: Häuserregister der Stadt Gunzenhausen


Gerberstraße 8 (erstes Haus links) um 1884.
Aus "Gunzenhausen in alten Ansichten" von W. Lux

Die Geschichte der Familie Bermann

Bernhard Bermann, Handelsmann, geb. am 3.6.1849 in Markt Berolzheim als Sohn von Nehemia und Karolina Bermann, war verheiratet mit Johanna Neuburger aus Thalmässing. Das Ehepaar hatte acht Kinder:

David, geb. am 02.07.1879 in Gunzenhausen, wird am 18.11.1902 bei Viechtach ermordet. 

Von Heinrich Frank aus Viechtach erhielten wir die Beschreibung der näheren Umstände vom Tod David Bermanns. Dazu schrieb er uns im Dezember 2003:

"Ich habe vor Jahren in einer heimatkundlichen Arbeit den im Jahre 1901 nicht gesühnten 'Raubmord am Girnbauern von Höbing' klären können. In dem Zusammenhang wurde auch der Mörder an David Bermann des Girnbauernmordes verdächtigt. Natürlich interessierte mich seinerzeit auch die Familie und die Herkunft des Bermann und hatte deshalb eine kleine Familiengeschichte aus Gunzenhausen angefordert." 


Im folgenden Bericht wird auf zwei Untaten eingegangen: auf den Mord an Xaver Bauer und auf den Mord an David Bermann. Offensichtlich wurden beide von denselben Tätern umgebracht.



Viktor
, geb. am 25.04.1881 in Gunzenhausen, ist als Soldat am 16.08.1916 am Maurepas gefallen. 

Sigmund, geb. am 29.07.1882 in Gunzenhausen, ist Schuhhändler und heiratet 1920 Lina Lemle, geb. am 12.01.1894 in Fischach.

Sophia, geb. am 14.01.1884 in Gunzenhausen, heiratet 1906 den Viehhändler Leopold Firnbacher aus Regensburg. Sie sind noch 1939 dort ansässig. Nach Angaben ihres Enkels Leigh Firn kam Sophia 1943 in Theresienstadt ums Leben. Ihr Sohn Max Firnbacher wanderte zunächst nach Palästina dann nach Neuseeland aus.

Lina, geb. am 19.03.1885 in Gunzenhausen, heiratet 1909 den Handelsmann Heinrich Flink aus Altenmuhr.

 Ida, geb. am 31.08.1888 in Gunzenhausen, heiratet einen Herrn Luchs und lebt um 1939 in Buttenwiesen.

Josef, geb. am 16.06.1890 in Gunzenhausen, stirbt am 24.12.1890 in Gunzenhausen.

Klara, geb. am 29.09.1893 in Gunzenhausen, heiratet am 25.04.1921 den Kaufmann Anton Spitz, geb. am 01.07.1885 in Weiden. Sie lebt um 1946 in Atlanta/Georgia, USA. Später zieht sie nach Miami/Florida, um nah bei ihrer Tochter Bobbie zu sein


Haus Auergasse 3 heute


Anzeige vom 13.09.1912 im 
"Gunzenhauser Anzeigeblatt"

Der Vater, Bernhard Bermann, betreibt im Haus Marktplatz 22 ein Schuhgeschäft. 1881 erwirbt er das Grundstück Auergasse 3, auf dem die frühere Synagoge der Stadt stand. Dort baut er ein Haus, das er 1922 wieder verkauft.

Landenschild von Bernhard Bermann im Stadtarchiv Gunzenhausen
Das Ladenschild wird im Stadtarchiv Gunzenhausen aufbewahrt

1913 erwerben die Söhne Sigmund und Viktor das Anwesen in der Gerberstraße 8. Sie bauen den Laden um und eröffnen dort das Schuhhaus Bermann.

Da Viktor 1916 im Ersten Weltkrieg fällt, geht sein Anteil an die Eltern über. Doch ab 1919 ist Sigmund alleiniger Besitzer.

Die Eltern leben noch in der Auergasse 3, 1920 stirbt die Mutter Johanna und 1922 wird dieses Haus verkauft. Der Vater zieht dann wahrscheinlich zur Tochter Lina nach Altenmuhr. Dort verstirbt er 1930.

Schon am 25.09.1935 verkauft Sigmund Bermann zusammen mit seiner Frau Lina  Haus und Schuhgeschäft in der Gerberstraße 8 an Gustav Hertlein um 26.000 RM. Beide verlassen die Stadt und ziehen nach Regensburg, wahrscheinlich zur Schwester Sophia Firnbacher.

Doch von dort werden sie in das KZ Piaski deportiert, wo sie wahrscheinlich umkommen, denn sie wurden zum 08.04.1945 für tot erklärt.

Leider haben wir bis heute zu  keinem Mitglied der Familie Kontakt. 

Doch Frau Karin Albert aus Gunzenhausen lebt seit einigen Jahren in Atlanta. 

Vielleicht gelingt es ihr, die Familie von Anton und Klara Spitz, geb. Bermann, zu finden.


Karin Albert

In der Gerberstraße 8 steht heute ein Neubau, in dem sich unten ein Geschäft befindet. Die oberen Stockwerke sind in mehrere Eigentumswohnungen unterteilt.

Im Mai 2003 erhielten wir eine E-Mail von dem Enkel der Sophia Firnbacher, Leigh Firn. Er schrieb uns:

Sophia Firnbacher war meine Großmutter. Ihr Sohn Max war mein Vater. Ich glaube zu wissen, dass meine Großmutter 1943 in Theresienstadt ums Leben gekommen ist. Ihr Mann, Leopold Firnbacher starb 1937 eines natürlichen Todes und ist in Regensburg begraben. 

Mein Vater verließ Deutschland 1937 und ging nach Palästina, von dort nach Neuseeland, wo ich geboren wurde. 1960 kam er bei einem Autounfall ums Leben. 

Ich kenne die Spitz-Familie und habe sie getroffen, als ich noch ein Kind war. Clara Spitz war die jüngere Schwester meiner Großmutter Sophia (Sie waren beide geborene Bermann). Clara lebte zunächst in Atlanta und zog später nach Miami in Florida, um näher bei ihrer Tochter Bobbie zu sein. Ich glaube Mutter und Tochter sind beide schon lange tot. 

Es gab noch einen Bruder John, der am Roenoke College in Virginia lehrte. Er war wahrscheinlich nicht verheiratet. 

Ich hoffe, diese Informationen sind für Sie interessant. Wenn Sie noch weitere Quellen in Regensburg ausfindig machen, würde ich mich freuen, wenn Sie sie an mich weiterleiten würden. 

Wir werden im Stadtarchiv Regensburg nachfragen, ob über die Familie Firnbacher dort etwas bekannt ist.

Auf unsere Anfrage vom 22. Juli 2003 teilte Herr Hubert Troidl, der Bibliothekar des Stadtarchivs Regensburg, per E-Mail Folgendes mit:

Das "Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945" (Koblenz, 1986) enthält unter Firnbacher u. a. folgenden Eintrag:
"Firnbacher, Sofie, geb. Bermann     Regensburg     14.01.84     verschollen     Piaski" (Bd. 1, S. 330).
In den Adressbüchern der Stadt Regensburg lassen sich möglicherweise weitere Informationen finden.

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Last updated 2008-12-11 by Franz Müller