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Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Regina Rebelein und Maria Holzinger

 Die Geschichte des Hauses Brunnenstraße 15


Brunnenstraße 15 im Frühjahr 1935 vor der Haushaltsauflösung

 Brunnenstraße 15 im Jahre 2004 mit Rachel Theilheimer
Brunnenstraße 15 im Jahre 2004 mit Rachel Theilheimer

 

Bauherr:

Johann Caspar Häberlein

Baujahr:

1763

Besitzerwechsel:

 

Ganzes Haus

1763 Johann Hübner, Posamentier

1768 Loeser Löw kaufte das Haus um 1.335 fl. aus der Hübnerschen Konkursmasse

1775 ersteigerte die Witwe Maria Sabrina Beeg das Haus um 900 fl.
1798 verkauften deren Erben das Haus an Adam Wettengel und seine Frau Maria Barbara Carolina Wenig für 2.100 fl.
1804 erwarb es Herr Weinhard
14.03.1806 kaufte der Tierarzt Josef Eggmayer das Anwesen für 2.300 fl.
  Erste Hälfte Zweite Hälfte
Besitzerwechsel: 23.04.1861 kaufte der Bäcker Leonhard Messthaler mit seiner Frau Maria Babetta Seubert die erste Haushälfte um 2.100 fl. 19.07.1852 kaufte der Huf- und Waffenschmied Georg Speckhard für 1.600 fl. die andere Hälfte
28.08.1881 an Ludwig Ballenberger aus Ellwangen für 9.200 fl. 01.11.1889 dessen Erben verkauften sie an den Schuhmacher Friedrich Willehelm Gebhard und seine Frau Johanna Baumgärtner
06.08.1885 an den Handelsmann Raphael Theilheimer aus Berolzheim für 5.000 M  
1933 wohnten in dieser Haushälfte Thekla Gutmann, Bella Stoll und Hedwig, Richard und Feodor Theilheimer
1935 an Ludwig und Magdalena Wechsler
1936 an Heinrich und Wilhelmina Gebhart
Besitzerwechsel

Ganzes Haus

1982 war in dem Haus ein Naturkostladen
1987 war ein Wollgeschäft in dem Haus
1990 erwarb es Dieter Kranich
1993 erwarb es Helmut Hönle und baute es zwei Jahre um. Heute ist darin eine Pizzeria

Quelle: Häuserregister der Stadt Gunzenhausen

Die Geschichte der Familie Theilheimer


Gustav Theilheimer 1924

Gustav Theilheimer, der Sohn von Raphael Löw Theilheimer und Therese Bauer, wurde am 25.03.1866 in Dittenheim geboren. 

1885 erwarben seine Eltern eine Haushälfte in der Brunnenstraße 15, wo er zusammen mit seinem Vater als Handelsmann tätig war. 

Am 4. Mai 1898 übernahm er von seinem Vater für 3.000 M den Hausanteil und im Juli erfolgte seine Bürgeraufnahme in Gunzenhausen.

Im selben Jahr heiratete er am 18. August Rosa Waldmann, die Tochter von Veiß Nathan Waldmann und Regina Steiner aus der Hensoltstraße 6. Sie wurde am 26.12.1869 in Dittenheim geboren.


Hochzeitsbild von Gustav und Rosa Theilheimer 1898

Das Ehepaar bekam sechs Kinder 

Thekla     * 19.05.1899  
Regina * 26.05.1901
+ 05.09.1902
Bella * 03.11.1902
Hedwig * 04.01.1904
Richard * 30.03.1905
Feodor
* 18.06. 1909

Gustav war als Vieh- und Hopfenhändler sehr erfolgreich, denn 1911 erwarb er noch zusätzlich das Haus in der Weißenburger Straße 9 um 1.000 M. 

Doch schon 1919 wird es wieder verkauft.

Rosa Theilheimer verstirbt am 8. September 1929

Daraufhin  kommt Gustavs Schwester Johanna ‚Hannchen’ Theilheimer, um ihrem Bruder und den Kindern den Haushalt zu führen.

Sie war 1906 nach Amerika ausgewandert, aber schon 1913 wieder zurückgekehrt.

Bis 1935 bleibt sie bei der Familie, obwohl ihr Bruder Gustav schon am 8. März 1933 verstorben ist. 

Im Jahr 1940 kommt sie im KZ Theresienstadt ums Leben.

 


 Johanna ,Hannchen' Theilheimer


Grabrede 

für Herrn   Gustav Theilheimer
gestorben am 8. März 1933, beerdigt am 9. März 1933

Andächtige Trauerversammlung!

 „Gott sah alles, was er geschaffen und siehe, es war sehr gut.“

Unsere Weisen erklären diesen Schriftvers so, dass unter „sehr gut“ der Todestag zu verstehen sei. So rätselhaft diese Auslegung klingt, eine so tiefe Wahrheit schließt sie in sich. Nichts auf Erden ist sehr gut; jedes, auch das glücklichste Leben führt Uebel mit sich. Und wie unbeständig, wie wandelbar ist doch menschliches Glück, schon das Bewusstsein dieser Unbeständigkeit lässt das Leben nicht als „sehr gut“ erscheinen. 

Meine andächtige Trauerversammlung!

Als sich die Trauerkunde von dem Hintritt eines wackeren Mannes durch die Stadt verbreitete, als bekannt wurde, dass unser lieber Mitbruder, Herr

G u s t a v   T h e i l h e i m e r

im fast vollendeten 67. Lebensjahre gestorben ist, da waren wir alle tief gerührt und schmerzlich bewegt. Aber im Hinblick auf obige Worte unserer Weisen und in Hinsicht auf das ewig unabänderliche Naturgesetz, dass der Tod jeder irdischen Laufbahn einmal ein Ziel setzt, da mischten sich in diese Gefühle der Trauer doch auch solche des Dankes an den Allmächtigen, der dem nunmehr selig Entschlafenen ein langes Krankenlager erspart und ihn ohne Schmerz hinübergenommen hat in die Gefilde des ewigen Friedens.

Ja, kurz war die Brücke, die ihn aus dieser Welt in jene Welt geführt hat, kurz und schmerzlos war die Trennung der Seele vom Körper, lang und schmerzvoll bleibt nur die Erinnerung der Hinterbliebenen an solch jähen und plötzlichen Tod. Vor wenig Tagen noch scheinbar gesund im schönen Familienkreis weilend, und heute ist den Kindern der gute Vater entrissen, den Geschwistern der liebende Bruder und der Gemeinde ein treues Mitglied. Ja, ein guter Vater war er seinen Kindern. Seine Familie war seine Welt und jedes Kind ein Stück seines Herzens. 

Wie verehrte er seine Gattin, die im mehrere Jahre im Tode vorangegangen war, sie war ihm ein Gegenstand heiligster Verehrung. Ein schönes glückliches Familienleben, der Quell der Zufriedenheit und des Erfolges, das war der Lohn und die Ernte seiner Tugenden. Und als die beste Lebensgefährtin von ihm genommen ward, da führte die treusorgende Schwester den Haushalt und entzündete weiter das Licht des innigen Familienlebens. 

Kurz und bündig war der Entschlafene in seinen Äußerungen und Kundgebungen, aufrichtig und ehrlich war die Sinnesart dieses biederen Charakters. Reich an Lebenserfahrung war er streng in seinen Grundsätzen, einfach und selbstlos in seinen Bedürfnissen. Wo es zu helfen galt, da fand man ihn in vorderster Reihe und sein Geist der Ordnung und der Ehrenhaftigkeit verschaffte ihm anhängliche Kundschaft in seinem Geschäftsbetriebe. Im geselligen Verkehr war er beliebt und jedermann freundlich entgegenkommend, so dass auch in Freundeskreisen sein Hinscheiden aus dieser Welt als fühlbare Lücke empfunden werden wird. 

Kurz und bündig war er in seinen Kundgebungen und kurz und bündig wird er sich wohl seinen Nachruf gewünscht haben, wenn er noch einmal zu uns reden könnte. So wollen wir denn in seinem Sinne handeln und den Abschied nicht verzögern. Ich höre ihn im Geiste rufen: „Haltet mich nicht länger zurück“, nachdem es Gott so gefügt hat. Erschwert mir den Abschied nicht durch Euer Weinen und Klagen, Ihr lieben Kinder. Ihr wisst es ja, wie gerne ich noch bei Euch geblieben wäre und wie wehmütig mich stets der Gedanke gestimmt hat, dereinst von Euch scheiden zu müssen. Aber jetzt, nachdem mir der Engel des Todes so mild den Kelch des Abschieds gereicht hat, so haltet mich nicht länger auf. Ich habe mein Haus bestellt und lasse Euch meinen Namen in Ehren zurück. Ich danke Euch für die Liebe, die Ihr mir erwiesen und all das Gute, das Ihr dem mehr und mehr sich einsam fühlenden, verwitweten Vater dargebracht habt. Ich segne Euch dafür, dass Ihr das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ so reichlich erfüllt habt, und es möge Euch dafür wohlergehen auf Eurem ferneren Lebenswege. 

So rufen auch wir Dir nun, teuerer Mitbruder, den letzten Abschiedsgruß zu. Mögest Du versöhnt mit uns allen aus dieser Welt des Vergänglichen geschieden sein. Wir übergeben Deinen müden Körper der Erde zum ewigen Schlummer. Du bist entrückt den Sorgen und Beschwernissen des Erdenlebens, ziehe hin in Frieden und Deine Seele möge sich wiederfinden mit denen, die Dir vorausgegangen sind im Tode und die Dir hienieden lieb und teuer gewesen sind. Seligkeit und Frieden sei Dein Teil im himmlischen Reich. Amen!


Thekla um 1920


Thekla und Bernhard Gutmann in Argentinien 1958

Die Tochter Thekla heiratete 1926 Bernhard Gutmann aus Heidenheim. Sie emigrierten 1938 nach Avigdor in Argentinien. Das Ehepaar hatte keine Kinder.

Bella besuchte als junges Mädchen die Handelsschule in Nürnberg und arbeitete dann dort als Sekretärin. Nur an den Wochenenden fuhr sie zu ihrer Familie in Gunzenhausen. Am 1. Januar 1935 heiratete sie Max Stoll, geb. am 16.05.1899 in Nördlingen. Er hatte in Nürnberg ein Eisenwarengeschäft.   

Die beiden Kinder des Ehepaares wurden noch in Deutschland geboren:

Gerhard * 24.6.1936 in Fürth
Walter * 17.4.1938 in Fürth

Die Nachkommen dieser beiden Söhne sind im Familienstammbaum aufgeführt.  Von dem jüngeren Sohn Walter Stoll haben wir diese Informationen freundlicherweise per E-Mail bekommen. Er hat auch den Stammbaum der Familie zusammengetragen, der in der englischen Übersetzung enthalten ist.


Bella und Max Stoll, Denver, Colorado, 1971

Die junge Familie Stoll konnte im Mai 1939 endlich Deutschland verlassen und nach London emigrieren. Schon ein Jahr später, im August 1940 durften sie in Amerika einreisen. Sie ließen sich in Denver/Colorado nieder. 
1983 zog die Witwe Bella Stoll nach Berkeley in Kalifornien, um näher bei ihren zwei Söhnen und den Enkelkindern zu sein. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod am 27.01.1988.


Die dritte Tochter, Hedwig (Hedl), besuchte als Teenager ebenfalls die Handelsschule in Nürnberg. Dort arbeitete sie danach als Buchhändlerin und Sekretärin. 
An den Wochenenden kam sie nach Hause, ebenso wie ihre Schwester Bella.  1937 emigrierte sie nach London und blieb während des Krieges dort. 


Berthold und Hedl Maier, Denver, Colorado, 1959

Danach zog sie nach Denver/Colorado, wo sie am 8. Mai1948 Berthold Maier aus Bruchsal heiratete. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Am 25.12.1980 starb Hedwig in Denver.


Richard Theilheimer um 1930

Sohn Richard war Versicherungsinspektor und wanderte schon am 15.10.1935 nach New York aus, nachdem die Nürnberger Gesetze, die 1935 wirksam geworden sind, es ihm unmöglich machten, seinen Beruf weiter auszuüben.

Am 10. April 1937 heiratete er Charlotte Strauß, geb. am 05.06.1911 in Nürnberg. Das Ehepaar hatte eine Tochter: Linda, geboren am  04.06.1947 in New York City.

Auch ihre Familie ist dem Stammbaum zu entnehmen.

In den USA arbeitete Richard als Produktionsmanager in der Bekleidungsindustrie, v. a. Kinderkleidung.

Der jüngste Sohn Feodor besuchte zunächst in Gunzenhausen die Realschule und dann in Nürnberg drei Jahre die Oberrealschule. Danach studierte er Mathematik und Physik in Erlangen. 1928 ging er nach Litauen, um an der Teishe Yeshiva zu studieren. Drei Jahre später besuchte er das Hildesheimer Rabbiner Seminar in Berlin. 1932 konzentrierte er sich auf Mathematik an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und erhielt seinen Doktortitel 1936, einer der letzten jüdischen Graduierten, wenn nicht der letzte.


Lotte, Linda und Richard Theilheimer in Washington D. C. 1962

Nachdem es ihm im Nazi-Deutschland nicht erlaubt war zu lehren, emigrierte er 1937 in die USA. Nach verschiedenen Dozentenstellen und einer Professur am Trinity College ging Feodor nach Washington D. C., wo er bei der US Navy arbeitete. 
Er war als Mathematiker in der Forschung und Entwicklung von Schiffskonstruktion und –design tätig. Nebenher lehrte er an der Universität von Maryland und an der Amerikanischen Universität.


Feodor Theilheimer mit seiner Tochter Rachel in Washington D. C. ca. 1975

1948 heiratete er Henny Rubel, die ursprünglich aus Hochspeyer stammte. Sie lebten in Chevy Chase, Maryland und hatten eine Tochter: Rachel, geboren 1950 in Silverspring, Maryland. Sie ist verheiratet mit Jonathan Beard und lebt in New York. Feodor starb am 24.12.2000 in Chevy Chase. 
Betty Rosenbaum von der Burgstallstraße 4 schrieb uns ihm Jahr 2001, dass Feodor Theilheimer vor kurzem gestorben sei. Er habe in Gunzenhausen mit ihr die selbe Klasse in der alten Realschule besucht und sei ihrer Ansicht nach ein Genie gewesen.


Feodor Theilheimers Schlusszeugnis der Realschule Gunzenhausen 1925

Nach dem Tod von Gustav Theilheimer im Jahr 1933 nutzten verschiedene Familienmitglieder das Haus, v. a. Bella, Hedwig, Richard und Feodor. 

1935 haben sie ihre Haushälfte an Ludwig und Magdalena Wechsler verkauft. Doch schon ein Jahr später erwirbt es die Familie Gebhart.


Bella vor ihrem Elternhaus 1928


Washington D. C., Sonntag, 1. Dez. 1963 Von links nach rechts
Feodor, Hedl, Richard Theilheimer

Walter Stoll, der Sohn von Bella, sandte uns Informationen über das Schicksal der Theilheimerfamilie. 

Die Nachkommen von Gustav und Rosa Theilheimer haben alle das Dritte Reich überlebt, da sie Gunzenhausen rechtzeitig verlassen haben. Sie leben heute in den USA.


Bar Mitzvah von Gerhard Stoll Juni 1949
Erste Reihe: Walter Stoll (11), Gerhard Stoll (13)'
Zweite Reihe von links nach rechts: Max Stoll, Bella Stoll, Rose Maier, Berthold Maier, Hedl Maier, Feodor Theilheimer und seine Frau Henny

Die folgenden Fotos haben wir von Walter Stoll erhalten. Es ist interessant zu sehen, was die fünf Kinder der Familie Theilheimer vor ihrer Auswanderung noch fotografiert haben. Die Grabsteine ihrer Eltern und die der drei Opfer des ersten Pogroms vom 24. März 1934 sind heute nicht mehr erhalten. 


"Grabstätte der lb. sel. Eltern 1935"
Die Gräber von Rosa und Gustav Theilheimer auf dem jüdischen Friedhof in Gunzenhausen


Die drei Grabsteine von Max Rosenau, Jakob Rosenfelder und Simon Strauß. Alle drei sind 1934 gewaltsam ums Leben gekommen

Grabplatte der Rosa Theilheimer
Die Überreiste des Grabsteines von Rosa Theilheimer. Nach dem Krieg in die Friedhofsmauer eingefügt

Rachel Theilheimer und Jonathan Beard 2004
Rachel Theilheimer und Jonathan Beard 
bei ihrem Besuch 2004 


Gunzenhausen 1935
Vier der Theilheimer Kinder mit ihrer Tante Hannchen bevor sie Gunzenhausen verließen.
Von links nach rechts
Feodor, Thekla, Tante Johanna, Hedl, Richard


Alle Enkelkinder von Gustav und Rosa Theilheimer
Von links nach rechts
Walter Stoll (Sohn von Bella)
Linda Theilheimer (Tochter von Richard)
Rachel Theilheimer (Tochter von Feodor)
Gary Gerhard Stoll (Sohn von Bella)
Bat Mitzvah im März 1989


In dem Haus Brunnenstraße 15 befindet sich heute die ,Pizzeria an der Stadtmauer'.

Laut Auskunft von Walter Stoll bekam die Familie nach dem Krieg keine Ausgleichszahlung für ihr Haus. Das bedeutet, dass sie freiwillig darauf verzichtet hat, indem sie den Verkauf des Hauses als rechtmäßig bestätigte.

Feodor Theilheimer hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Wir werden sie in Deutsch und in Englisch anfügen.

Gunzenhausen Memories von Feodor Theilheimer

Erzählt von seiner Tochter Rachel

Mein Vater war 16 Jahre alt, als er Gunzenhausen verließ. Danach kam er nur noch gelegentlich zu Besuch zurück. Er lebte also von 1909 bis 1925 dort. 

Zu dieser Zeit lebten etwa 60 jüdische Familien in Gunzenhausen. Es gab eine jüdische Schule, eine protestantische Schule und eine katholische Schule. Als er in die jüdische Volksschule ging, waren es dort ca. 30 Schüler, alle in einem Raum. Er hörte immer zu, was der Lehrer den höheren Klassen erklärte. Diese Schule besuchte er nur vier Jahre, danach ging er in die Realschule. 

Die Realschule war auch in Gunzenhausen. In Heidenheim oder Berolzheim, kleinere Orte in der Nähe, in denen auch Juden lebten, gab es keine Realschule. Für diese Realschule musste man geringe Unterrichtsgebühren bezahlen, die allerdings nicht konfessionsbedingt waren, und es gab eine Aufnahmeprüfung. Das Fach Religion wurde von den jeweiligen Konfessionen selbst unterrichtet. Hauptlehrer Marx, der die jüdischen Kinder in ihrer Volksschule unterrichtete, kam auch in die Realschule, um dort die jüdischen Kinder in Religion zu unterrichten.

 Nachdem Hauptlehrer Marx in den Ruhestand gegangen war, kam ein anderer Lehrer, Levite, auf seine Stelle.  Diese Familie hatte einen Sohn Fritz, einen Hans, eine Tochter Susie und zwei Zwillinge, deren Name mein Vater nicht mehr weiß (Ludwig und Ernst).  Die beiden Zwillinge leben nicht mehr. Einer starb während des Krieges in Israel. Mein Vater vermutet, dass Fritz eine Buchhandlung in Tel Aviv hat. 

Im Gegensatz zum Gymnasium, welches mehr die humanistischen Fächer betonte, war die Realschule eher naturwissenschaftlich orientiert. Dort begann man mit Französisch als Fremdsprache, während am Gymnasium mit Latein begonnen wurde. Wenn man vor dem Ersten Weltkrieg die Realschule besuchte, musste man nur ein Jahr zum Militärdienst. Im sechsten Jahr hatte man das „Einjährige“ zu absolvieren. 

In Gunzenhausen gab es kein Gymnasium und auch keine Oberrealschule. Beide unterrichten auch die letzten drei Jahre vor dem Abitur, die Realschule aber nicht. Deshalb verließ mein Vater Gunzenhausen mit 16, nach dem Abschluss der Realschule 


Die abgebildeten Entlassschüler von links oben:
unbekannt, Fräulein Reichel (Marktplatz 5), Hans Büller, Josef Frei, Otto Hertlein, unbekannt, Bertl Honig (umgekommen im KZ), unbekannt, Emma Rottenberger (Verlobte von Kurt Bär)
Vordere Reihe von links:
Else Lichtenststern, Heidi Sperl, Betty Eisen, Paul Hellmann. 
Feodor Theilheimer, Else Danner, Karl Minderlein, unbekannt

Von 1919 an unterrichtete Herr Kurzmann Englisch und Französisch an der Realschule. Vorher lehrte Herr Tachauer diese Fächer.

In Gunzenhausen gab es keinen Rabbi. Es gehörte zu dem Rabbinat Ansbach. Die Synagoge wurde um 1880 gebaut. Vorher gab zwar auch eine Synagoge, doch sie war etwas kleiner als die neue. 

Es gab eine Person, die beides war, Hazzan und Schochet. Aber es gab keinen Shammas.

Gunzenhausen hat einen jüdischen Friedhof. Kleinere Orte in der Gegend (wieder nennt mein Vater Heidenheim und Berolzheim als Beispiel) hatten keinen, so dass die Juden von dort in Gunzenhausen beerdigt wurden. 

Meine Großeltern (Gustav und Rosa Theilheimer) sind beide in Dittenheim geboren, einem kleinen Ort vor Gunzenhausen. Etwa um 1880 zogen die Theilheimers erst von Dittenheim nach Berolzheim und dann nach Gunzenhausen. Die Waldmanns (Eltern von Rosa Theilheimer) waren schon früher nach Gunzenhausen gezogen. 

Viele Juden waren Viehhändler. Mein Großvater war einer, ebenso Nathan Waldmann. Mein Vater vermutet, dass auch schon deren Väter Viehhändler gewesen sind. Allerdings geht er davon aus, dass sein Vater auch noch mit anderen Waren gehandelt hat. Einige Juden waren in der Textilbranche tätig und hatten eigene Geschäfte. Erstaunlicherweise gab es zwei jüdische Banken unter den 60 jüdischen Familien. Eine dritter jüdischer Banker hatte seine Bank verkauft und sie wurde eine Filiale der Handelsbank, später der Vereinsbank. 

Als meine Großeltern heirateten lebten sie schon beide in Gunzenhausen. Fanny, die Frau von Nathan Waldmann (dem Bruder von Rosa), kam aus Schwaben, irgendwo in der Nähe von Augsburg ( Sie kam aus Kriegshaber bei Ansbach). Nach der Eheschließung zog sie nach Gunzenhausen und sie wohnten in der Hensoltstraße 6. 

Jedes Jahr am ersten Abend von Rosh Hashonna kam Onkel Nathan zu den Theilheimers, die ganz in der Nähe der Synagoge wohnten,  um ihnen allen ein gutes Neues Jahr zu wünschen. Nach dessen Tod führte sein Sohn Bruno die Tradition fort. Auch am Tag der Bar Mitzwah von Feodor kam die Familie Waldmann zum Mittagessen zu den Theilheimers. Es war damals nicht so üblich wie heute, zu anderen Familien zum Essen zu gehen.

Aber natürlich sah man sich bei den alltäglichen Gängen während des Jahres. Mein Großvater ging zum Strauß um dort Karten zu spielen. Der Metzger Strauß hatte auch eine Gastwirtschaft, wo man sich zum Karten spielen traf. Auch Nathan Waldmann war sicher dort um zu spielen, zu schauen oder sich zu unterhalten. Else Strauß, die Tochter, lebt heute in New York. Sie ist eine enge Freundin einer Tante meiner Kusine Linda, von Tante Susie. 

Es gab vier Familien mit dem Namen Hellmann in Gunzenhausen. Mein Vater erinnert sich, dass eines der Ehepaare seine Goldene Hochzeit gefeiert hat. Es ist das einzige Ehepaar mit diesem Jubiläum, von dem er weiß.

Zwei Familien gab es mit dem Namen Rosenfelder. 

Während mein Vater in Gunzenhausen lebte war dort ein jüdischer Arzt namens Rothschild. Sein Sohn Max lebt heute in New Jersey und ist ein Rabbi. Mein Vater hat ihn getroffen, allerdings schon lange nicht mehr.

Benno Levi hatte ein Schuhgeschäft. Nathan Waldmann, ein Nachkomme der Waldmann Familie, der heute in Israel lebt, hat Feodor daran erinnert, dass die Tochter der Levis, Bianca, gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hat. Auch sie lebt in Israel. 

Mein Vater hat noch zwei Schuh horns ?? aus Benno Levis Geschäft. 

Das sind die Erinnerungen meines Vaters an Gunzenhausen und die Juden, die dort lebten.

Im Mai 2008 besuchte uns Walter Stoll zusammen mit seiner Frau Diane und Tochter Kira in der Schule.

Sie zeigten uns Bilder von der Familie, und wir erfuhren traurige Einzelheiten über die Reichskristallnacht, die Walters Eltern in Nürnberg erlebt haben. Er selbst war damals gerade fünf Monat alt gewesen. 

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Last updated 2008-05-23 by Franz Müller