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Stephani-Volksschule Gunzenhausen
Jüdisches Leben in
Gunzenhausen |
Regina Rebelein und Maria Holzinger
Die Geschichte des Hauses
Brunnenstraße 15

Brunnenstraße 15 im Frühjahr 1935 vor
der Haushaltsauflösung

Brunnenstraße 15 im Jahre 2004 mit
Rachel Theilheimer
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Bauherr: |
Johann Caspar
Häberlein |
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Baujahr: |
1763 |
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Besitzerwechsel:
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Ganzes
Haus |
| 1763 Johann
Hübner, Posamentier |
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1768
Loeser Löw kaufte das Haus um 1.335 fl. aus der Hübnerschen
Konkursmasse |
| 1775
ersteigerte die Witwe Maria Sabrina Beeg das Haus um 900 fl. |
| 1798
verkauften deren Erben das Haus an Adam Wettengel und seine Frau
Maria Barbara Carolina Wenig für 2.100 fl. |
| 1804 erwarb
es Herr Weinhard |
| 14.03.1806
kaufte der Tierarzt Josef Eggmayer das Anwesen für 2.300 fl. |
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Erste
Hälfte |
Zweite
Hälfte |
| Besitzerwechsel: |
23.04.1861 kaufte der
Bäcker Leonhard Messthaler mit seiner Frau Maria Babetta Seubert
die erste Haushälfte um 2.100 fl. |
19.07.1852 kaufte der
Huf- und Waffenschmied Georg Speckhard für 1.600 fl. die andere
Hälfte |
| 28.08.1881 an Ludwig
Ballenberger aus Ellwangen für 9.200 fl. |
01.11.1889 dessen Erben
verkauften sie an den Schuhmacher Friedrich Willehelm Gebhard und
seine Frau Johanna Baumgärtner |
| 06.08.1885 an den
Handelsmann Raphael Theilheimer aus Berolzheim für 5.000 M |
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| 1933 wohnten in dieser
Haushälfte Thekla Gutmann, Bella Stoll und Hedwig, Richard und Feodor Theilheimer |
| 1935 an Ludwig und
Magdalena Wechsler |
| 1936 an Heinrich und
Wilhelmina Gebhart |
| Besitzerwechsel |
Ganzes
Haus |
| 1982 war in
dem Haus ein Naturkostladen |
| 1987 war ein
Wollgeschäft in dem Haus |
| 1990 erwarb
es Dieter Kranich |
| 1993 erwarb
es Helmut Hönle und baute es zwei Jahre um. Heute ist darin eine
Pizzeria |
Quelle:
Häuserregister der Stadt Gunzenhausen
Die
Geschichte der Familie Theilheimer
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Gustav Theilheimer 1924
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Gustav Theilheimer, der Sohn von Raphael
Löw Theilheimer und Therese Bauer, wurde am 25.03.1866 in Dittenheim
geboren.
1885 erwarben seine Eltern eine Haushälfte
in der Brunnenstraße 15, wo er zusammen mit seinem Vater als Handelsmann
tätig war.
Am 4. Mai 1898 übernahm er von seinem
Vater für 3.000 M den Hausanteil und im Juli erfolgte seine Bürgeraufnahme
in Gunzenhausen.
Im selben Jahr heiratete er am 18.
August Rosa Waldmann, die Tochter von Veiß Nathan Waldmann und Regina
Steiner aus der Hensoltstraße 6. Sie wurde am
26.12.1869 in Dittenheim geboren.
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Hochzeitsbild von Gustav und Rosa Theilheimer 1898
Das Ehepaar bekam sechs Kinder
| Thekla |
* 19.05.1899 |
| Regina |
* 26.05.1901
+ 05.09.1902 |
| Bella |
* 03.11.1902 |
| Hedwig |
* 04.01.1904 |
| Richard |
* 30.03.1905 |
Feodor
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* 18.06. 1909
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Gustav
war als Vieh- und Hopfenhändler sehr erfolgreich,
denn 1911 erwarb er noch zusätzlich das Haus in der Weißenburger Straße
9 um 1.000 M.
Doch schon 1919 wird es
wieder verkauft.
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Rosa Theilheimer verstirbt am 8. September
1929 |
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Daraufhin kommt
Gustavs Schwester Johanna ‚Hannchen’ Theilheimer, um ihrem Bruder und
den Kindern den Haushalt zu führen.
Sie war 1906 nach Amerika
ausgewandert, aber schon 1913 wieder zurückgekehrt.
Bis 1935 bleibt sie bei der Familie,
obwohl ihr Bruder Gustav schon am 8. März 1933 verstorben ist.
Im Jahr
1940 kommt sie im KZ Theresienstadt ums Leben.
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Johanna ,Hannchen' Theilheimer
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Grabrede
für Herrn Gustav
Theilheimer
gestorben am 8. März 1933, beerdigt am 9. März 1933
Andächtige
Trauerversammlung!
„Gott
sah alles, was er geschaffen und siehe, es war sehr gut.“
Unsere Weisen erklären
diesen Schriftvers so, dass unter „sehr gut“ der Todestag zu
verstehen sei. So rätselhaft diese Auslegung klingt, eine so tiefe
Wahrheit schließt sie in sich. Nichts auf Erden ist sehr gut;
jedes, auch das glücklichste Leben führt Uebel mit sich. Und wie
unbeständig, wie wandelbar ist doch menschliches Glück, schon das
Bewusstsein dieser Unbeständigkeit lässt das Leben nicht als
„sehr gut“ erscheinen.
Meine andächtige
Trauerversammlung!
Als sich die
Trauerkunde von dem Hintritt eines wackeren Mannes durch die Stadt
verbreitete, als bekannt wurde, dass unser lieber Mitbruder, Herr
G u s t a v
T h e i l h e i m e r
im fast vollendeten 67.
Lebensjahre gestorben ist, da waren wir alle tief gerührt und
schmerzlich bewegt. Aber im Hinblick auf obige Worte unserer Weisen
und in Hinsicht auf das ewig unabänderliche Naturgesetz, dass der
Tod jeder irdischen Laufbahn einmal ein Ziel setzt, da mischten sich
in diese Gefühle der Trauer doch auch solche des Dankes an den Allmächtigen,
der dem nunmehr selig Entschlafenen ein langes Krankenlager erspart
und ihn ohne Schmerz hinübergenommen hat in die Gefilde des ewigen
Friedens.
Ja, kurz war die Brücke,
die ihn aus dieser Welt in jene Welt geführt hat, kurz und
schmerzlos war die Trennung der Seele vom Körper, lang und
schmerzvoll bleibt nur die Erinnerung der Hinterbliebenen an solch jähen
und plötzlichen Tod. Vor wenig Tagen noch scheinbar gesund im schönen
Familienkreis weilend, und heute ist den Kindern der gute Vater
entrissen, den Geschwistern der liebende Bruder und der Gemeinde ein
treues Mitglied. Ja, ein guter Vater war er seinen Kindern. Seine
Familie war seine Welt und jedes Kind ein Stück seines
Herzens.
Wie verehrte er seine
Gattin, die im mehrere Jahre im Tode vorangegangen war, sie war ihm
ein Gegenstand heiligster Verehrung. Ein schönes glückliches
Familienleben, der Quell der Zufriedenheit und des Erfolges, das war
der Lohn und die Ernte seiner Tugenden. Und als die beste Lebensgefährtin
von ihm genommen ward, da führte die treusorgende Schwester den
Haushalt und entzündete weiter das Licht des innigen
Familienlebens.
Kurz und bündig war
der Entschlafene in seinen Äußerungen und Kundgebungen, aufrichtig
und ehrlich war die Sinnesart dieses biederen Charakters. Reich an
Lebenserfahrung war er streng in seinen Grundsätzen, einfach und
selbstlos in seinen Bedürfnissen. Wo es zu helfen galt, da fand man
ihn in vorderster Reihe und sein Geist der Ordnung und der
Ehrenhaftigkeit verschaffte ihm anhängliche Kundschaft in seinem
Geschäftsbetriebe. Im geselligen Verkehr war er beliebt und
jedermann freundlich entgegenkommend, so dass auch in
Freundeskreisen sein Hinscheiden aus dieser Welt als fühlbare Lücke
empfunden werden wird.
Kurz und bündig war er
in seinen Kundgebungen und kurz und bündig wird er sich wohl seinen
Nachruf gewünscht haben, wenn er noch einmal zu uns reden könnte.
So wollen wir denn in seinem Sinne handeln und den Abschied nicht
verzögern. Ich höre ihn im Geiste rufen: „Haltet mich nicht länger
zurück“, nachdem es Gott so gefügt hat. Erschwert mir den
Abschied nicht durch Euer Weinen und Klagen, Ihr lieben Kinder. Ihr
wisst es ja, wie gerne ich noch bei Euch geblieben wäre und wie
wehmütig mich stets der Gedanke gestimmt hat, dereinst von Euch
scheiden zu müssen. Aber jetzt, nachdem mir der Engel des Todes so
mild den Kelch des Abschieds gereicht hat, so haltet mich nicht länger
auf. Ich habe mein Haus bestellt und lasse Euch meinen Namen in
Ehren zurück. Ich danke Euch für die Liebe, die Ihr mir erwiesen
und all das Gute, das Ihr dem mehr und mehr sich einsam fühlenden,
verwitweten Vater dargebracht habt. Ich segne Euch dafür, dass Ihr
das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ so reichlich erfüllt habt,
und es möge Euch dafür wohlergehen auf Eurem ferneren
Lebenswege.
So rufen auch wir Dir
nun, teuerer Mitbruder, den letzten Abschiedsgruß zu. Mögest Du
versöhnt mit uns allen aus dieser Welt des Vergänglichen
geschieden sein. Wir übergeben Deinen müden Körper der Erde zum
ewigen Schlummer. Du bist entrückt den Sorgen und Beschwernissen
des Erdenlebens, ziehe hin in Frieden und Deine Seele möge sich
wiederfinden mit denen, die Dir vorausgegangen sind im Tode und die
Dir hienieden lieb und teuer gewesen sind. Seligkeit und Frieden sei
Dein Teil im himmlischen Reich. Amen! |
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Thekla um 1920
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Thekla und Bernhard Gutmann
in Argentinien 1958 |
Die Tochter Thekla heiratete 1926 Bernhard
Gutmann aus Heidenheim. Sie emigrierten 1938 nach Avigdor in Argentinien.
Das Ehepaar hatte keine Kinder.
Bella besuchte als junges Mädchen die
Handelsschule in Nürnberg und arbeitete dann dort als Sekretärin. Nur an
den Wochenenden fuhr sie zu ihrer Familie in Gunzenhausen. Am 1. Januar
1935 heiratete sie Max Stoll, geb. am 16.05.1899 in Nördlingen. Er hatte
in Nürnberg ein Eisenwarengeschäft.
Die beiden Kinder des Ehepaares wurden
noch in Deutschland geboren:
| Gerhard |
* 24.6.1936 in Fürth |
| Walter |
* 17.4.1938 in Fürth |
Die Nachkommen dieser beiden Söhne sind
im Familienstammbaum aufgeführt. Von dem jüngeren Sohn
Walter Stoll haben wir diese Informationen freundlicherweise per E-Mail
bekommen. Er hat auch den Stammbaum der Familie zusammengetragen, der in
der englischen Übersetzung enthalten ist.
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Bella und Max Stoll,
Denver, Colorado, 1971
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Die junge Familie Stoll konnte im Mai 1939
endlich Deutschland verlassen und nach London emigrieren. Schon ein Jahr
später, im August 1940 durften sie in Amerika einreisen. Sie ließen sich
in Denver/Colorado nieder.
1983 zog die Witwe Bella Stoll nach Berkeley in Kalifornien,
um näher bei ihren zwei Söhnen und den Enkelkindern zu sein.
Dort lebte sie bis zu ihrem Tod am 27.01.1988. |
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Die dritte Tochter,
Hedwig (Hedl), besuchte als
Teenager ebenfalls die Handelsschule in Nürnberg. Dort arbeitete sie
danach als Buchhändlerin und Sekretärin.
An den Wochenenden kam sie nach
Hause, ebenso wie ihre Schwester Bella. 1937 emigrierte sie nach
London und blieb während des Krieges dort.
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Berthold und Hedl Maier,
Denver, Colorado, 1959
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Danach zog sie nach
Denver/Colorado, wo sie am 8. Mai1948 Berthold Maier aus Bruchsal
heiratete. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Am 25.12.1980 starb Hedwig in
Denver.
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Richard Theilheimer um 1930
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Sohn Richard war Versicherungsinspektor
und wanderte schon am 15.10.1935 nach New York aus, nachdem die Nürnberger
Gesetze, die 1935 wirksam geworden sind, es ihm unmöglich machten, seinen
Beruf weiter auszuüben.
Am 10. April 1937 heiratete er Charlotte
Strauß, geb. am 05.06.1911 in Nürnberg. Das Ehepaar hatte eine Tochter:
Linda, geboren am 04.06.1947 in New York City.
Auch ihre Familie ist dem Stammbaum zu
entnehmen.
In den USA arbeitete Richard als
Produktionsmanager in der Bekleidungsindustrie, v. a. Kinderkleidung. |
| Der jüngste Sohn Feodor besuchte zunächst
in Gunzenhausen die Realschule und dann in Nürnberg drei Jahre die
Oberrealschule. Danach studierte er Mathematik und Physik in Erlangen.
1928 ging er nach Litauen, um an der Teishe Yeshiva zu studieren. Drei
Jahre später besuchte er das Hildesheimer Rabbiner Seminar in Berlin.
1932 konzentrierte er sich auf Mathematik an der Friedrich-Wilhelms-Universität
in Berlin und erhielt seinen Doktortitel 1936, einer der letzten jüdischen
Graduierten, wenn nicht der letzte. |

Lotte, Linda und Richard
Theilheimer in Washington D. C. 1962
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Nachdem es ihm im Nazi-Deutschland nicht
erlaubt war zu lehren, emigrierte er 1937 in die USA. Nach verschiedenen
Dozentenstellen und einer Professur am Trinity College ging Feodor nach
Washington D. C., wo er bei der US Navy arbeitete.
Er war als Mathematiker in
der Forschung und Entwicklung von Schiffskonstruktion und –design tätig.
Nebenher lehrte er an der Universität von Maryland und an der
Amerikanischen Universität. |
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Feodor Theilheimer mit
seiner Tochter Rachel in Washington D. C. ca. 1975
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1948 heiratete er Henny Rubel, die ursprünglich
aus Hochspeyer stammte. Sie lebten in Chevy Chase, Maryland und hatten
eine Tochter: Rachel, geboren 1950 in Silverspring, Maryland. Sie ist verheiratet mit Jonathan Beard und
lebt in New York. Feodor starb am 24.12.2000 in Chevy Chase.
Betty Rosenbaum von der Burgstallstraße 4
schrieb uns ihm Jahr 2001, dass Feodor Theilheimer vor kurzem gestorben
sei. Er habe in Gunzenhausen mit ihr die selbe Klasse in der alten
Realschule besucht und sei ihrer Ansicht nach ein Genie gewesen. |

Feodor Theilheimers
Schlusszeugnis der Realschule Gunzenhausen 1925
| Nach dem Tod von Gustav Theilheimer im
Jahr 1933 nutzten verschiedene Familienmitglieder das Haus, v. a. Bella,
Hedwig, Richard und Feodor.
1935 haben sie ihre Haushälfte an Ludwig und
Magdalena Wechsler verkauft. Doch schon ein Jahr später erwirbt es die
Familie Gebhart. |

Bella vor ihrem
Elternhaus 1928
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Washington D. C.,
Sonntag, 1. Dez. 1963 Von links nach rechts
Feodor, Hedl, Richard Theilheimer
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Walter
Stoll, der Sohn von Bella, sandte uns Informationen über das
Schicksal der Theilheimerfamilie.
Die Nachkommen von Gustav und
Rosa Theilheimer haben alle das Dritte Reich überlebt, da
sie Gunzenhausen rechtzeitig verlassen haben. Sie leben heute
in den USA. |

Bar Mitzvah von Gerhard Stoll
Juni 1949
Erste Reihe: Walter Stoll (11), Gerhard Stoll (13)'
Zweite Reihe von links nach rechts: Max Stoll, Bella Stoll, Rose
Maier, Berthold Maier, Hedl Maier, Feodor Theilheimer und seine Frau
Henny
Die folgenden Fotos haben wir von
Walter Stoll erhalten. Es ist interessant zu
sehen, was die fünf Kinder der Familie Theilheimer vor ihrer
Auswanderung noch fotografiert haben. Die Grabsteine ihrer Eltern und
die der drei Opfer des ersten Pogroms vom 24. März 1934 sind heute
nicht mehr erhalten.
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"Grabstätte der
lb. sel. Eltern 1935"
Die Gräber von Rosa und Gustav Theilheimer auf dem jüdischen
Friedhof in Gunzenhausen
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Die drei Grabsteine von
Max Rosenau, Jakob Rosenfelder und Simon Strauß. Alle drei
sind 1934 gewaltsam ums Leben gekommen
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Die Überreiste des
Grabsteines von Rosa Theilheimer. Nach dem Krieg in die
Friedhofsmauer eingefügt
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Rachel Theilheimer und Jonathan Beard
bei ihrem Besuch 2004
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Gunzenhausen 1935
Vier der Theilheimer Kinder mit ihrer Tante Hannchen bevor sie
Gunzenhausen verließen.
Von links nach rechts
Feodor, Thekla, Tante Johanna, Hedl, Richard
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Alle Enkelkinder von
Gustav und Rosa Theilheimer
Von links nach rechts
Walter Stoll (Sohn von Bella)
Linda Theilheimer (Tochter von Richard)
Rachel Theilheimer (Tochter von Feodor)
Gary Gerhard Stoll (Sohn von Bella)
Bat Mitzvah im März 1989
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In
dem Haus Brunnenstraße 15 befindet sich heute die ,Pizzeria
an der Stadtmauer'.
Laut Auskunft von Walter Stoll
bekam die Familie nach dem Krieg keine Ausgleichszahlung für
ihr Haus. Das bedeutet, dass sie freiwillig darauf verzichtet
hat, indem sie den Verkauf des Hauses als rechtmäßig
bestätigte.
Feodor Theilheimer hat seine
Lebensgeschichte aufgeschrieben. Wir werden sie in Deutsch und
in Englisch anfügen.
Gunzenhausen
Memories von Feodor Theilheimer
Erzählt
von seiner Tochter Rachel
Mein Vater war 16 Jahre alt, als er
Gunzenhausen verließ. Danach kam er nur noch gelegentlich zu Besuch
zurück. Er lebte also von 1909 bis 1925 dort.
Zu dieser Zeit lebten etwa 60 jüdische
Familien in Gunzenhausen. Es gab eine jüdische Schule, eine
protestantische Schule und eine katholische Schule. Als er in die jüdische
Volksschule ging, waren es dort ca. 30 Schüler, alle in einem Raum.
Er hörte immer zu, was der Lehrer den höheren Klassen erklärte.
Diese Schule besuchte er nur vier Jahre, danach ging er in die
Realschule.
Die Realschule war
auch in Gunzenhausen. In Heidenheim oder Berolzheim, kleinere Orte in
der Nähe, in denen auch Juden lebten, gab es keine Realschule. Für
diese Realschule musste man geringe Unterrichtsgebühren bezahlen, die
allerdings nicht konfessionsbedingt waren, und es gab eine Aufnahmeprüfung.
Das Fach Religion wurde von den jeweiligen Konfessionen selbst
unterrichtet. Hauptlehrer Marx, der die jüdischen Kinder in ihrer
Volksschule unterrichtete, kam auch in die Realschule, um dort die jüdischen
Kinder in Religion zu unterrichten.
Nachdem Hauptlehrer
Marx in den Ruhestand gegangen war, kam ein anderer Lehrer, Levite,
auf seine Stelle. Diese Familie hatte einen Sohn Fritz, einen
Hans, eine Tochter Susie und zwei Zwillinge, deren Name mein Vater
nicht mehr weiß (Ludwig und Ernst). Die beiden Zwillinge leben
nicht mehr. Einer starb während des Krieges in Israel. Mein Vater
vermutet, dass Fritz eine Buchhandlung in Tel Aviv hat.
Im Gegensatz zum
Gymnasium, welches mehr die humanistischen Fächer betonte, war die
Realschule eher naturwissenschaftlich orientiert. Dort begann man mit
Französisch als Fremdsprache, während am Gymnasium mit Latein
begonnen wurde. Wenn man vor dem Ersten Weltkrieg die Realschule
besuchte, musste man nur ein Jahr zum Militärdienst. Im sechsten Jahr
hatte man das „Einjährige“ zu absolvieren.
In Gunzenhausen gab
es kein Gymnasium und auch keine Oberrealschule. Beide unterrichten
auch die letzten drei Jahre vor dem Abitur, die Realschule aber nicht.
Deshalb verließ mein Vater Gunzenhausen mit 16, nach dem Abschluss
der Realschule

Die abgebildeten Entlassschüler von
links oben:
unbekannt, Fräulein Reichel (Marktplatz 5), Hans Büller, Josef Frei, Otto
Hertlein, unbekannt,
Bertl Honig (umgekommen im KZ), unbekannt, Emma Rottenberger (Verlobte von Kurt Bär)
Vordere Reihe von links:
Else Lichtenststern, Heidi Sperl, Betty Eisen, Paul
Hellmann.
Feodor Theilheimer, Else Danner, Karl Minderlein, unbekannt
Von 1919 an
unterrichtete Herr Kurzmann Englisch und Französisch an der
Realschule. Vorher lehrte Herr Tachauer diese Fächer.
In Gunzenhausen gab
es keinen Rabbi. Es gehörte zu dem Rabbinat Ansbach. Die Synagoge
wurde um 1880 gebaut. Vorher gab zwar auch eine Synagoge, doch sie war
etwas kleiner als die neue.
Es gab eine Person,
die beides war, Hazzan und Schochet. Aber es gab keinen Shammas.
Gunzenhausen hat
einen jüdischen Friedhof. Kleinere Orte in der Gegend (wieder nennt
mein Vater Heidenheim und Berolzheim als Beispiel) hatten keinen, so
dass die Juden von dort in Gunzenhausen beerdigt wurden.
Meine Großeltern
(Gustav und Rosa Theilheimer) sind beide in Dittenheim geboren, einem
kleinen Ort vor Gunzenhausen. Etwa um 1880 zogen die Theilheimers erst
von Dittenheim nach Berolzheim und dann nach Gunzenhausen. Die
Waldmanns (Eltern von Rosa Theilheimer) waren schon früher nach
Gunzenhausen gezogen.
Viele Juden waren
Viehhändler. Mein Großvater war einer, ebenso Nathan Waldmann. Mein
Vater vermutet, dass auch schon deren Väter Viehhändler gewesen
sind. Allerdings geht er davon aus, dass sein Vater auch noch mit
anderen Waren gehandelt hat. Einige Juden waren in der Textilbranche tätig
und hatten eigene Geschäfte. Erstaunlicherweise gab es zwei jüdische
Banken unter den 60 jüdischen Familien. Eine dritter jüdischer
Banker hatte seine Bank verkauft und sie wurde eine Filiale der
Handelsbank, später der Vereinsbank.
Als meine Großeltern
heirateten lebten sie schon beide in Gunzenhausen. Fanny, die Frau von
Nathan Waldmann (dem Bruder von Rosa), kam aus Schwaben, irgendwo in
der Nähe von Augsburg ( Sie kam aus Kriegshaber bei Ansbach). Nach
der Eheschließung zog sie nach Gunzenhausen und sie wohnten in der
Hensoltstraße 6.
Jedes Jahr am ersten
Abend von Rosh Hashonna kam Onkel Nathan zu den Theilheimers, die ganz
in der Nähe der Synagoge wohnten, um ihnen allen ein gutes
Neues Jahr zu wünschen. Nach dessen Tod führte sein Sohn Bruno die
Tradition fort. Auch am Tag der Bar Mitzwah von Feodor kam die Familie
Waldmann zum Mittagessen zu den Theilheimers. Es war damals nicht so
üblich wie heute, zu anderen Familien zum Essen zu gehen.
Aber natürlich sah
man sich bei den alltäglichen Gängen während des Jahres. Mein Großvater
ging zum Strauß um dort Karten zu spielen. Der Metzger Strauß hatte
auch eine Gastwirtschaft, wo man sich zum Karten spielen traf. Auch
Nathan Waldmann war sicher dort um zu spielen, zu schauen oder sich zu
unterhalten. Else Strauß, die Tochter, lebt heute in New York. Sie
ist eine enge Freundin einer Tante meiner Kusine Linda, von Tante
Susie.
Es gab vier Familien
mit dem Namen Hellmann in Gunzenhausen. Mein Vater erinnert sich, dass
eines der Ehepaare seine Goldene Hochzeit gefeiert hat. Es ist das
einzige Ehepaar mit diesem Jubiläum, von dem er weiß.
Zwei Familien gab es
mit dem Namen Rosenfelder.
Während mein Vater
in Gunzenhausen lebte war dort ein jüdischer Arzt namens Rothschild.
Sein Sohn Max lebt heute in New Jersey und ist ein Rabbi. Mein Vater
hat ihn getroffen, allerdings schon lange nicht mehr.
Benno Levi hatte ein
Schuhgeschäft. Nathan Waldmann, ein Nachkomme der Waldmann Familie,
der heute in Israel lebt, hat Feodor daran erinnert, dass die Tochter
der Levis, Bianca, gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hat. Auch sie
lebt in Israel.
Mein Vater hat noch
zwei Schuh horns ?? aus Benno Levis Geschäft.
Das sind die
Erinnerungen meines Vaters an Gunzenhausen und die Juden, die dort
lebten.
Im Mai
2008 besuchte uns Walter Stoll zusammen mit seiner Frau Diane und Tochter
Kira in der Schule.
Sie
zeigten uns Bilder von der Familie, und wir erfuhren traurige Einzelheiten
über die Reichskristallnacht, die Walters Eltern in Nürnberg erlebt
haben. Er selbst war damals gerade fünf Monat alt gewesen.
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