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Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Marina Brunner und Christina Wöllmer

 Die Geschichte des Hauses Burgstallstraße 9


Das Haus Burgstallstraße 9 heute

 

Baujahr:

Um 1900

Bauherr:

Seeberger Josef, Kaufmann

Besitzerwechsel:

  • 30.06.1904 Gewerbeanmeldung zum Handel mit Schreinereiartikeln und Tafelglas

  • 07.06.1905 Handel mit Farbwaren. Im Hintergebäude des Anwesens betreibt Schwiegersohn Michael Rieder ein Fachgeschäft für Farben und Lacke

  • Um 1938 geht das Haus an die Stadtgemeinde Gunzenhausen

  • Bis 1984 Schuhmacherbetrieb von Hermann Kolb

  • Ab 26.05.1955 kauft Fräulein Theresia Bräunlein (Lebensgefährtin von Herrn Hermann Kolb) von Fritz Habelt aus Crailsheim das Gebäude

  • Das Grundstück wird in Burgstallstraße 9 und Hensoltstraße 10 geteilt

  • Das Grundstück Hensoltstraße 10 erwirbt Herr Otto Schetke

  • Frau Lydia Schärtel aus Absberg erbt Burgstallstraße 9 am 28.05.1984 von Theresia Bräunlein

Die Geschichte der Familie Josef Seeberger

Um 1900 baut Josef Seeberger, Kaufmann (* 30.11.1866 in Gunzenhausen) das Haus Burgstallstraße 9. Vier Jahre vorher hatte er im Juni 1896 in Würzburg geheiratet. Seine Frau war Emma Kohn, geb. am 13.09.1872 in Würzburg. Sie war die Tochter des Kaufmannes Leopold Kohn und dessen Frau Ernestine, geb. Mohrenwitz.  

Sie haben drei Kinder: 

  • Ernestina
    * 03.06.1899 in Gunzenhausen

  • Leopold
    * 15.11.1900 in Gunzenhausen, 
    + 28.09.1922 in Würzburg

  • Max
    * 12.07.1903 in Gunzenhausen, 
    + 15.11.1903 in Gunzenhausen


Josef Seeberger

Direkt gegenüber, in der Hensoltstraße 23 befindet sich die Tonwarenfabrik des Bruders Rudolf Seeberger. 

Josef betreibt ein Schreinereiartikel- und Tafelglasgeschäft.

Ernestina, das einzige Kind, das überlebt hat, heiratet am 28.04.1921 Michael Rieder, geb. 1893 in Mannheim.

Er ist der Sohn des Kantors Hermann Rieder, der 1859 in Ungarn geboren wurde und dessen Frau Hindele (Hinna) Kohn, geb. 1863 in Mannheim.

Auffällig ist, dass viele Mitglieder der Seeberger Familie eine Frau aus der Familie Kohn geheiratet haben. Auch die Frau des Neffen Joseph Seeberger aus der Hensoltstraße 23 war eine Franziska Kohn, allerdings aus Ansbach.

Ein Nachkomme dieser Kohn-Familien hat uns aus London geschrieben, Nick Landau, dessen Urgroßmutter Chajo Kohn eine Schwester von Hindele Kohn gewesen ist. Er ist allerdings davon überzeugt, dass diese Frauen aus Kleinerdlingen bei Nördlingen stammen. Einen Stammbaum der Familie findet man unter

www.alemannia-judaica.de/images/ Images%20Bayern/WEISSKOPF 

Die Familie Weißkopf, die dort überwiegend erwähnt ist, stammt aus Gunzenhausen, Waagstraße 1

Wir werden im Gemeindearchiv Kleinerdlingen nachfragen.


Michael Rieder


Ernestina Rieder, geb. Seeberger

Michael Rieder zieht im Jahr 1921 von Mannheim nach Gunzenhausen und betreibt im hinteren Gebäude des Anwesens (heute Hensoltstraße 10) ein Fachgeschäft für Farben und Lacke.

Die Familie Rieder lebte in Mannheim, doch offensichtlich zogen die Eltern später zu ihrem Sohn nach Gunzenhausen, denn der Vater verstirbt hier am 16. März 1930. 

Aber auch die drei Geschwister von Michael Rieder lebten zeitweise bei ihrem Bruder in Gunzenhausen. 

Seine Schwester Frieda, verheiratete Lange, ist in Litzmannsstadt/Lotz verschollen.

Michael und Ernestine Rieder hatten vier Kinder:

  • Judith, * 29.05.1922 in Gunzenhausen

  • Hannah, * 22.09.1923 in Gunzenhausen

  • Sara Susanna, * 24.09.1923 in Gunzenhausen

  • Leopold, * 18.04.1928 in Gunzenhausen


Hannah Rieder


Sara Susanna Rieder


Leopold Rieder

Die Familie Rieder wandert am 17.08.1937 nach Palästina aus.

Die Mutter von Frau Rieder, Emma Seeberger, verstarb am 30.12.1934 in Gunzenhausen. 

1938, wahrscheinlich nach der "Reichskristallnacht", wird das Haus enteignet und geht in den Besitz der Stadtgemeinde über. Trotzdem bleibt Josef Seeberger noch bis zum 24. Januar 1939 in Gunzenhausen. 

Seine ganze Familie, die Tochter und sein Bruder Rudolph mit Kindern leben schon längst in Palästina. Als einer der letzten jüdischen Bürger verlässt er die Stadt und meldet sich nach München ab. Sein weiteres Schicksal ist uns leider nicht bekannt.

Doch die Nachkommen von Michael und Ernestine Rieder leben noch heute in Israel.  Hinweise darauf bekamen wir von Nick Landau aus London und von Frau Hannah Cherlow, geb. Rothschild, aus Israel. 

Nick Landau schrieb:

I will look at the family-tree when I have time regarding the Rieder family. My cousin in Australia who created the family-tree might be able to help you make touch there.

Hannah Cherlow schrieb:

Of the pictures you showed, I can identify the following: No. 8 - Hannah Seeberger,
No. 16 - Susanne Rieder, No. 15 - Leo Rieder, No. 29 - Hannah Rieder, who died a few years ago. All the rest live in Israel.

Wir werden versuchen, mit der Familie Kontakt aufzunehmen.

Im Haus in der Burgstallstraße 9 hat der Schuhmacher Hermann Kolb später sein Geschäft eröffnet. Fräulein Theresia Bräunlein, die Lebensgefährtin von Hermann Kolb, erwirbt das Anwesen am 26.05.1955 von Herrn Fritz Habelt, Kaufmann in Crailsheim, Marienstraße 3. In dieser Zeit wird das Grundstück wird geteilt in Burgstallstraße 9 und Hensoltstraße 10 (Rückgebäude). Das Gebäude Hensoltstraße 10 erwirbt Herr Otto Schetke. 

Im Jahre 1958 wird das Haus vergrößert. Frau Lydia Schärtel aus Absberg erbt das Grundstück mit dem Wohnhaus Burgstallstraße 9 am 28.05.1984 nach dem Tod von Theresia Bräunlein. Heute befinden sich darin Mietwohnungen.

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Last updated 2006-08-21 by Franz Müller