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Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Franz Diller und Jürgen Hofmann

 Die Geschichte des Hauses Hensoltstraße 7


Haus Hensoltstraße 7 heute

 

Baujahr:

Von 1832 bis 1839

Bauherr:

Leonhard Vorbrugg

Besitzerwechsel:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem jüdischen Bürger Joseph Rosenau erworben

13.07.1905 übernehmen die Söhne Samuel und Max Rosenau das Haus vom Vater und melden ein Gewerbe an.

1907 Sohn Samuel führt das Geschäft allein als Eisenwarenhändler

Um 1933 Dessen Schwiegersohn Adolf Rindsberg, Kaufmann, verheiratet mit Ilse Rosenau, übernimmt das Anwesen

30.06.1936 Verkauf an Georg Degenhart Dieser betreibt hier ab 01.09.1936 weiterhin eine Eisenwarenhandlung

Die Geschichte des Hauses und der Familie

Als Stammvater der Familie Rosenau finden wir im Archiv den Hopfen- und Geldhändler David Löw Model, geb. 1778 in Gunzenhausen. Zusammen mit seiner Frau Kahla, geb. Seeberger, hatte er zwei Kinder:

Die Tochter Elka, geb. im Jahr 1800, war nach dem Tod ihres ersten Mannes mit Moses Gerst verheiratet, dem Vorfahren der bekannten Bankiersfamilie. Sie brachte das Haus in der Rathausstraße 8 mit in die Ehe.

Der Sohn Model David, geb. 1802 in Gunzenhausen, war verheiratet mit Jette Kreglinger. Beide siedelten nach Obernzenn über und hatten dort 10 Kinder. Sechs davon wanderten in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika aus. Sie alle waren zu dieser Zeit erst etwa 15 bis 17 Jahre alt.

Die beiden Söhne Joseph und Jacob blieben im Lande und kehrten 1850 zusammen mit ihrem Vater nach Gunzenhausen zurück. Dieser war dort noch im Besitz seines väterlichen Hauses in der Auergasse 4.

Sohn Joseph, der Eisenwarenhändler, heiratete die neun Jahre ältere Rosa Rauh aus Frießen

Schon 1866, also mit 23 Jahren lässt Joseph zusammen mit seiner Frau Rosa das hochherrschaftliche Haus in der Burgstallstraße 7 bauen. Hier werden ihre sieben Kinder geboren. Es sind fünf Töchter und zwei Söhne.

Das Geschäft mit Eisenwaren muss sehr gut gegangen sein, denn nach einigen Jahren erwirbt Joseph auch das Haus Hensoltstraße 7. Dort waren vermutlich die Geschäftsräume untergebracht. Zwischen beiden Häusern besteht heute noch ein Fußweg.


Burgstall- und Hensoltstraße gegen 1950. Aus "Gruß aus Gunzenhausen"

Die beiden Söhne der Familie, Max, geb. am 01.11.1869 und Samuel, geb. am 26.10.1870, melden am 13.07.1905, einen Monat nach dem Tod ihrer Mutter, in diesem Haus ein eigenes Gewerbe an. Sie handeln mit Eisenwaren, Zement, Pech und Schneideartikeln. Es wurde zusammen mit dem Vater betrieben, der 1902 an dem Anwesen bauliche Veränderungen und die Errichtung eines Lagerhauses vorgenommen hatte. An den drei gegenüberliegenden Garagen stand damals ein Stadel, der als Lagerhaus diente.

Die Familie war noch im Besitz eines weiteren Lagerhauses mit Garten. Es lag gegenüber vom Amtsgericht an der Luitpoldstraße, dem heutigen Gelände der ehemaligen Landwirtschaftsschule.

Nach dem Tod des Vaters 1917 erbt Samuel Rosenau das Eisenwarengeschäft und das Haus Hensoltstraße 7, Max übernimmt das Elternhaus in der Burgstallstraße 7.


Ehepaar Samuel und Selma Rosenau

Samuel und seine Frau Selma, geb. Nebel, aus Harburg führen das Geschäft jetzt ohne den Bruder Max. Sie haben drei Töchter, Rosa, Toni und Ilse. Seit dem Jahr 1933 führen die jüngste Tochter Ilse und ihr Ehemann Adolf Rindsberg aus Ühlfeld das Eisenwarengeschäft mit und übernehmen das Haus Hensoltstraße 7.

Am Blutigen Palmsonntag 1934 kommt der Bruder Max Rosenau ums Leben. Kurz danach verlegt das Ehepaar Samuel und Selma seinen Wohnsitz nach Stuttgart.

Wahrscheinlich hatten sie die Befürchtung, dass es auch für sie hier zu gefährlich werden könnte. Tochter Ilse bleibt mit ihrem Mann noch in der Stadt, denn die Familie sucht einen Käufer für Wohnhaus und Geschäft. Sie unternehmen allerdings ‚Forschungsreisen’ nach Palästina und in die USA, um sich eine neue Heimat zu suchen, wie uns Walter Reed mitteilte.

Doch auch das Haus in der Burgstallstraße soll veräußert werden.

Rechtsanwalt Amrhein erwirbt es 1935.

Georg Degenhart aus Nürnberg kauft das Anwesen in der Hensoltstraße am 30. Juni 1936. Er ist gelernter Kaufmann im Eisenhandel und will sich selbständig machen.

Zu dieser Zeit durfte jedoch schon kein Geld mehr an jüdische Hausbesitzer ausbezahlt werden, es ging über in das Eigentum des Deutschen Reiches. Damit die Familie trotzdem das Geld erhielt um auswandern zu können, schickte Herr Degenhart den gesamten Kaufpreis per Postanweisung nach Stuttgart, wohin Samuel und Selma Rosenau schon am 22.9.1934 ihren Wohnsitz verlegt hatten.

Die Familie kann das Geld erhalten und damit auswandern. Die Eltern Samuel und Selma emigrieren nach Palästina, wo Samuel 1940 in Tel Aviv verstirbt.

Am 16. März 1937 wandert das Ehepaar Ilse und Adolf Rindsberg nach Brooklyn in New York aus.

Die Witwe Selma Rosenau siedelt zu einem späteren Zeitpunkt in die USA zu ihrer Tochter über.

Es ist unbekannt, ob die beiden anderen Schwestern, Rosa und Toni mit ihren Ehemännern Justin Lamm und Alfred Levy, zu dieser Zeit noch in Gunzenhausen leben.


Familientreffen der Emigranten aus der Burgstall- und Hensoltstraße in den USA.
Lazarus Eisen, Adolf Rindsberg, Doris Eisen, Ilse Rindsberg,
geb. Rosenau (mit Hut), Walter Reed (18 Jahre)

Walter Reed, der Neffe von Adolf Rindsberg, der heute in einem Vorort von Chicago lebt, schrieb uns dazu:

"Rosa Lamm mit ihrem Ehemann Justin Lamm sind nach England emigriert. Ihr Sohn Max Lamm nach New York City."

Walter Reed traf Selma und Ilse häufig in New York bei Familientreffen mit der Familie von Lazarus Eisen aus der Burgstallstraße 4. Er hat später die Betreuung des kinderlosen Ehepaares Ilse und Adolf Rindsberg übernommen.

Über das weitere Leben der Familie berichtete er uns:

In Brooklyn NY hat der Adolf zuerst als Ladenhelfer gearbeitet, später als Eisenwarenvertreter und dann sind sie nach Meriden, Connecticut, umgezogen. Dort haben sie ein Vertretungsgeschäft für Warenlieferungen an Eisenwarenkleinhändler im Staat Connecticut betrieben. Adolf ist im März 1987 in Meriden gestorben und Ilse am 23.09.1991. Da sie keine Kinder hatten, war ich, als Neffe, der einzige Überlebende und habe mich viel um sie in ihrem Alter und mit ihren Krankheiten gekümmert.

Herr Reed hat uns im Sommer 2002 in Gunzenhausen  besucht und konnte uns viel berichten. Wir sind sehr dankbar dafür.

 Lazarus Eisen mit seiner Schwägerin Ilse
 Rindsberg, geb. Rosenau

Die Familie Degenhart ist noch heute im Besitz des Anwesens.

Doch nach dem Krieg wurden auch an sie Nachforderungen gestellt, so dass etwa die Summe des Kaufpreises noch einmal bezahlt werden musste. Wie uns der Sohn von Georg Degen-hart erzählte, hatte dieser sich später noch einmal mit Überlebenden der Familie Rosenau in Nürnberg getroffen, als sie eine Europareise machten. Da er heute nicht mehr lebt, ist nicht bekannt, mit wem er sich getroffen hat. Wir nehmen an, dass es die Witwe Selma oder die Tochter Rosa gewesen sein könnten, da Samuel Rosenau zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war und nach Auskunft von Herrn Reed seine Tante Ilse Rindsberg Deutschland nie mehr sehen wollte.

In den siebziger Jahren wurde das Haus umgebaut.

Noch heute ist es ein renommiertes Geschäft für Eisenwaren.

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Last updated 2004-10-24 by Franz Müller