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Sven Seltmann und Dominik Freytag Die Geschichte des Hauses Burgstallstraße 1
Die Geschichte des Hauses und der Familie
Eine ältere Gunzenhäuser Bürgerin erinnert sich an das immens große Weingeschäft der Familie Dottenheimer. Folgendes Schild war am
Haus angebracht Daneben entsteht 1906 ein kleineres Haus als Weinlager, in dem heute noch ein 5 Meter tiefer Keller aus dieser Zeit existiert.
Im Jahr 1907 stirbt die Frau von Heinrich Dottenheimer, Ida, geb. Asyl. Von den fünf Kindern der beiden überleben nur zwei das Kindesalter: Frieda und Sigmund. Diese beiden führen zusammen mit ihren Ehegatten das Geschäft weiter; ab 1912 ist Sigmund der Geschäftsinhaber. Frieda, geb. 1886, ist in erster Ehe seit 1904 mit Siegfried Weißmann verheiratet, der jedoch schon 1907 verstirbt. Die beiden haben einen Sohn, Martin, geb. 1905. Im Jahre 1910 heiratet sie Max Strauß in zweiter Ehe, 1911 wird Tochter Ida geboren. Der Sohn Martin aus erster Ehe nimmt 1920 den Nachnamen Strauß an. Diese Familie wandert 1934 nach Amerika aus.
Schon 1930 wird das Erdgeschoss an einen Zahnarzt vermietet. Der Dentist Karl Liebl eröffnet hier seine Praxis. Ab 01.09.1937 wird sie von Reinhard Carben aus Markt Berolzheim weiter betrieben.
In den Jahren dazwischen erleidet die Familie Dottenheimer das Schicksal der Diskriminierung und des Geschäftsboykotts, so dass Sigmund Dottenheimer und Max Strauß schon 1933 das Geschäft abmelden. Mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten begründete Sigmund Dottenheimer 1934 zwei Gesuche an den Stadtrat von Gunzenhausen um Erlaubnis zum Weinausschank an jüdischen Feiertagen und um die Erlaubnis zur Errichtung einer Kaffeewirtschaft in den bisherigen Büroräumen seines Unternehmens. Das Gremium lehnte am 17. Oktober 1934 die Gesuche ab, weil vom Standpunkt der Öffentlichkeit aus ein Bedürfnis nicht bestehe. Wilhelm Lux, Gunzenhausener Journalist und Zeitzeuge, der im Heft 44/1988 von "Alt-Gunzenhausen" ausführlich darüber berichtet, erkennt darin "... die ganze Brutalität der neuen Machthaber gegenüber dem jüdischen Einwohnerschaftsteil ...". "Man kann hierzu nur argumentieren, daß aus diesen dürren Worten reine Bosheit spricht und die Absicht, den jüdischen Bevölkerungsteil weiter zu demütigen." Nach Wilhelm Lux gehörte die jüdische
Familie Dottenheimer "... zu den angesehensten der israelischen
Gemeinde und erfreute sich auch unter der nichtjüdischen Einwohnerschaft
erheblichen Ansehens." Heinrich Dottenheimer ist ab 28.11.1938 in München gemeldet. Am 01.12.1938 werden Sigmund D. und sein Sohn Kurt in das KZ Dachau deportiert, später aber wieder frei gelassen.
Nur Joel Fredi, der älteste Sohn verlässt Deutschland rechtzeitig .
Seine Tochter schreibt uns dazu: "With regards to his travels, his passport is stamped Augsburg on May 21, 1937, Hamburg on May 25, 1937 and Southampton, England on May 28, 1937. He arrived in the United States sometime in 1937 and settled in St. Louis, Missouri."
Dieser junge Mann ist der einzige Überlebende der großen Familie Dottenheimer.
Das große Geschäftshaus in der Burgstallstraße 1 wird während des Krieges von der NS-Frauenschaft genutzt. Die Zahnarztpraxis ist von 1940 bis 1945 geschlossen, da R. Carben zur Wehrmacht einberufen worden ist. Sein Sohn, Herr Rainer Carben, berichtet dazu: Mein Vater hat am 01.09.1937 die Praxis mit Wohnräumen im Erdgeschoss des Hauses Dottenheimer als Untermieter übernommen. Im Mai 1940 heiratete er meine Mutter Frieda Faulstich, im Februar 1941 wurde ich geboren. Noch 1940 wurde mein Vater zur Wehrmacht einberufen. Nach der Vertreibung der Familie Dottenheimer hat eine NSDAP-Organisation alle Räume über dem Erdgeschoss bezogen. Meine Mutter, ihre Schwester "Bobby" und ich wohnten weiterhin in der Wohnung im Erdgeschoss Burgstallstraße1. 1945 wurde das ganze Haus für wenige Monate von der US-Armee mit vorhandenem Mobiliar besetzt und wir verbrachten diese Zeit bei unserer Oma in der Brunnengasse. Danach wohnten wir noch bis 1956 im Erdgeschoss Burgstallstraße 1. Im Herbst 1945 kehrte mein Vater aus der Gefangenschaft zurück und hat seine Praxis wiedereröffnet. Nach 1945 war das Anwesen erst im Besitz einer jüdischen Organisation und kam dann in den Besitz des Freistaates Bayern. 1956 kaufte mein Vater vom Staat das "Wirtschaftsgebäude mit Weinkeller" und baute es zu dem Wohnhaus Burgstallstraße 1 a um. Nach den Erzählungen meines Vaters hat eines nachts ein Mitglied der Familie Dottenheimer bei meinem Vater im Erdgeschoss Schutz vor Naziumtrieben gesucht und auch erhalten. Mitglieder der Familie Dottenheimer müssen also noch nach 1937 in ihrem Haus im Obergeschoss gewohnt haben. Vermutlich war der Vorfall 1938 in der "Reichskristallnacht". Nach dem Krieg vermietet die Stadt das Haus an neun Mietparteien, überwiegend an Flüchtlinge, die hier auf engstem Raum zusammenleben müssen.
1956 kauft Reinhard Carben das ehemalige Weinlager und baut es zu Wohnhaus und Praxis um – heute Burgstallstraße 1 a. Im selben Jahr kauft die Familie Karl Marschall das große Eckhaus und richtet 1957 einen Friseursalon darin ein. Schon 1925 hatte Karl Marschall in der Spitalstraße ein Friseurgeschäft eröffnet und war damit 1930 in die Bahnhofstraße umgezogen. Im Jahr 1983, nach dem Tod von Karl Marschall übernimmt sein Sohn Werner Marschall zusammen mit seiner Frau Margot das Haus in der Burgstallstraße 1. Bis heute ist es ein markanter Punkt im Stadtbild von Gunzenhausen. Im März 2001 besuchte die Tochter von Joel Fredi Dottenheimer, Faye Dottheim-Brooks zusammen mit ihrer Familie Gunzenhausen. Den Grund dafür schrieb sie uns: "In August my brother received a letter from the Director of the Franken Jewish Museum that they have in their collection an item of property stolen from my grandfather during Kristallnacht and they are searching for direct descendants of Sigmund Dottenheimer. The item is a torah breastplate." Die Nachkommen der Familie Dottenheimer leben heute in New York und teilten uns nach ihrem Deutschlandbesuch mit, dass sie das Objekt dem Jüdischen Museum Franken in Fürth als Dauerleihgabe überlassen hätten. Dort blieb es bis 20. Februar 2003. In Zukunft wird es zumindest vorübergehend im Museum der Stadt Gunzenhausen ausgestellt werden. Am 14. März 2004 war die Familie Dottheim-Brooks bei der Präsentation ihres Thoraschildes im Museum der Stadt Gunzenhausen anwesend.
Bei einem Besuch in diesem Museum konnten wir das 300 Jahre alte Schild sehen, das lange Zeit von Sigmund Dottenheimer der Synagoge Gunzenhausens als Thorazier überlassen worden war. Herr Purin schilderte uns die abenteuerliche Geschichte dieses kostbaren Ritualobjektes, dessen Wert Fachleute dem eines Einfamilienhauses gleichsetzen. Vor etwa 10 Jahren sei ein Mann im Stadtarchiv Fürth erschienen und habe u.a. zwei Thoraschilder abgegeben. Er hätte sie von seinem Schwiegervater erhalten, dem sie geschenkt worden seien. Erst mit der Eröffnung des Jüdischen Museums sei das Schild, das u. a. zwei Einhörner zeigt, restauriert worden und dabei habe man auf kleinen Papierröllchen Angaben zum Besitzer gefunden. Herrn Purin ist es zu verdanken, dass die Nachkommen in den USA gefunden werden konnten, die daraufhin Kontakt mit der Stadt ihrer Vorfahren aufnahmen. Selbst in der New York Times erschien im August 2001 ein ausführlicher Artikel über die Odysee dieses Thoraschildes aus Gunzenhausen.
Die einzige Bedingung, die die Familie Dottheim-Brooks an die Leihgabe knüpfte, hat uns sehr bewegt: Am 22.02.2003 feierte ihre jüngste Tochter Kara in New York ihre Bat Mitzvah, Sie wurde als Tochter des Gesetzes zur Thora gerufen - vergleichbar der Firmung in der katholischen und der Konfirmation in der evangelischen Kirche. Zu diesem Fest wurde das Thoraschild von Dr. Bernhard Purin nach New York gebracht. Zum ersten Mal nach dem Holocaust diente es in einer Synagoge wieder seinem eigentlichen Zweck, die Thorarolle zu schmücken. Anlässlich der Bat Mitzvah musste ein hebräischer Text vorgelesen werden. Jede Woche des Jahres hat ihren festgelegten Abschnitt, da innerhalb eines Jahres die gesamte Thora gelesen werden sollte. Daher wußte Kara schon vorher, welches Kapitel sie lesen wird: Es war die Geschichte vom Goldenen Kalb. Ein Jahr lang musste sie dafür üben.
Wir waren von ihr sehr begeistert. An den Nachmittagen verbrachte Sie mit den Schülern ihre Freizeit. Das Ziel der Reise war, ihre Deutsch-Kenntnisse aufzubessern. Wir besuchten mit ihr den jüdischen Friedhof in Bechhofen. Alle fanden es schade, dass Joanna schon nach vier Wochen gehen musste. Doch wir freuen uns, denn sie wird wiederkommen.
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