Stephani-
Volksschule

Grundschule

Hauptschule

Termine

Aktuelles

Schulgeschichte

Jüdisches Leben
in Gunzenhausen

eMail

Stephani-Volksschule Gunzenhausen

Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Anja Kirchner, Marina Brunner, Markus Ortner 
und Jürgen Hofmann

 Die Geschichte des Hauses Burgstallstraße 7

Haus Burgsstallstraße 7
Haus Burgstallstraße 7 heute

 

Bauherr:

Leonhard Schlennert, Zimmermann und Bauunternehmer

Baujahr:

ca. 1865

Besitzerwechsel:

1866 an Joseph und Rosa Rosenau, Eisenwarenhändler

1917 ererbt von Sohn Max Rosenau

1935 verkauft an Michael Amrhein, Rechtsanwalt

Seit 1964 ist das Haus im Besitz der Familie Teinzer

Die Geschichte des Hauses und der Familie

Haus Auergasse 8
Haus Auergasse 8 heute

Dieses prächtige Haus in der Burgstallstraße gelangte 1866 in den Besitz des Eisenwarenhändlers Joseph Rosenau aus Obernzenn, der am 9. April 1866 das Bürgerrecht der Stadt Gunzenhausen erhalten hatte. Es ist anzunehmen, dass es vom dem Bauunternehmer Schlennert  für die Familie erbaut worden ist. Die Eltern waren Model und Jette Rosenau, die zwar aus Gunzenhausen stammten (Auergasse 8),

zwischen 1830 und 1850 allerdings in Obernzenn ansässig waren. Danach kehrten sie mit drei von ihren zehn Kindern wieder nach Gunzenhausen zurück, während sechs nach Amerika ausgewandert sind.


Die Burgstallstraße um 1885. Zu dieser Zeit lebte die Familie Rosenau in diesem Haus
(Aus ‚Gunzenhäuser Erinnerungen’ von Max Pfahler)

Der Sohn Joseph ließ sich im Alter von 23 Jahren zusammen mit seiner Frau Rosa das hochherrschaftliche Haus in der Burgstallstraße 7 erbauen.

Hier wurden auch ihre sieben Kinder geboren:

Rieka 
Max  
Samuel  
Lina        
Ida         
Berta      
Emma    
* 06.08.1868
* 01.11.1869
* 26.10.1870
* 16.11.1871
* 07.02.1873
* 27.03.1875
* 14.01.1882

Joseph Rosenau war in der israelitischen Kultusgemeinde sehr angesehen, so dass er Mitglied des Gemeindebevollmächtigtenkollegiums und Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde wurde.

Während die fünf Töchter nach ihrer Eheschließung Gunzenhausen verließen, betrieben die beiden Söhne das Eisenwarengeschäft in der Hensoltstraße 7. Dort wohnte auch Samuel mit seiner Frau und seinen drei Töchtern (Siehe Geschichte dieses Hauses). Max blieb unverheiratet und bewohnte weiterhin das elterliche Haus in der Burgstallstraße. Einen Teil davon hatte er an die Familie Lehmann vermietet.

Sein Schicksal wurde am sog. Blutigen Palmsonntag im März 1934 besiegelt, als er im Anschluss an eine Hetzjagd der Nazis auf jüdische Mitbürger den Tod fand.

Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, ob er ermordet worden ist oder seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat. Der genauere Hergang der damaligen Ereignisse ist unter der Geschichte des Hauses Nürnberger Straße 4 nachzulesen.

Überlebende der Familie Rosenau konnten wir bis heute nicht ausfindig machen. Es ist allerdings bekannt, dass der Bruder Samuel nach Palästina und seine Töchter mit ihren Familien in die USA bzw. nach England emigriert sind. 

Im Stadtarchiv wird nur der Verkauf des Hauses am 28. Mai 1935 an Herrn Rechtsanwalt Michael Amrhein vermerkt. Dieser hatte schon seit 1915 eine Anwaltskanzlei in der Burgstallstraße 2 und zog nun in die Nr. 7 um. Seine Enkeltochter, Karin Albert, lebt heute in den USA und ist dort mit einem jüdischen Mann verheiratet. Sie schrieb uns, was sie als Kind über ihren Großvater gehört hatte:

"Er war ein beliebter Anwalt, Stadtrat und bekannter Nazi-Gegner mit vielen Freunden in der jüdischen Gemeinde ... Meine Mutter erzählte uns Kindern, dass Juden ihn während der 20-er und 30-er Jahre häufig um Rat fragten, dass er nach 1933 den deutschen Gruß auf der Straße nur widerwillig und nur in der Reihenfolge „Grüß Gott, Guten Morgen, Heil Hitler“ oder dergl. bot, dass meine Großmutter große Angst hatte, dass er nach Dachau verschleppt würde, etc. Diese Geschichten faszinierten mich und riefen einen gewissen Stolz in mir hervor, wenn ich auch nicht verstehen konnte, warum er sich nicht heldenhafter verhalten und nicht genug Zivilcourage gezeigt hatte, ganz offen für seine Freunde einzutreten." 

Zu dem Besitzerwechsel des Hauses teilte Frau Albert uns mit: 

"Wie Ihnen bekannt ist, haben Michael und Frieda Amrhein (meine Großeltern) dieses Haus 1935 von den Erben des dort ermordeten Max Rosenau, seinen Schwestern Lina Rothschild, Friedericke Altmann und Bertha Mann, für 23.000 Goldmark gekauft. Meine Mutter erzählte uns Kindern, dass es für einen fairen Preis erworben wurde; ja, dass jüdische Freunde meinen Großvater baten, es zu kaufen ... Im November 1938 schrieb Frau Rothschild, dass sie meinem Großvater ihre Hypothek kündigen müsse, da sie auswandern wolle. Es kam dann zu einer letzten Zahlung im Januar 1939. 

Nach dem Krieg wurde das Haus dann durch die amerikanische Militärbehörde unter Vermögenskontrolle gestellt. Mein Großvater wandte sich an die Jüdische Kultusgemeinde in Nürnberg in der Hoffnung, die aktuelle Anschrift der Verkäufer erfahren zu können, um von ihnen die Bestätigung zu erhalten, dass sie das Haus freiwillig und zu einem marktgerechten Preis an ihn verkauft hatten. Die Kultusgemeinde konnte diesbezüglich keine Auskunft geben. 

Ein halbes Jahr später wandte sich Frau Lina Rothschild in Pittsburgh, Pennsylvania, an die Militärregierung mit der Bitte, ihr hinsichtlich einer Vermögensangelegenheit in Deutschland behilflich zu sein: Sie und ihre Schwestern hätten das Haus Burgstallstraße 7 unter Zwang und zu einem sehr niedrigen Preis verkauft. 

Ich weiß jetzt nicht, wo die Wahrheit liegt ... Natürlich kann man nachvollziehen, dass die Erben sich zum Verkauf gezwungen sahen; wie die meisten deutschen Juden wären sie viel lieber geblieben und nicht ausgewandert, wenn die schrecklichen Verhältnisse in Deutschland dies nicht notwendig gemacht hätten. 

Eine Schätzung vom November 1948 benennt den Vorkriegswert des Objektes auf RM 18.413. Was sich dann weiter ereignet hat, ist mir leider unbekannt, denn die meisten relevanten Dokumente fehlen. Im Mai 1952 wurde das Haus aus der Vermögenskontrolle und Treuhandschaft entlassen."

Inzwischen hat Karin Albert weitere Dokumente zu diesem Hauskauf gefunden:

Aus der Verkaufsurkunde des Notariats vom 28. Mai 1935 geht hervor, dass drei Schwestern von Max Rosenau anwesend waren, die das Haus offensichtlich geerbt hatten.

Zum ersten Mal erfuhren wir wieder etwas über Rika, Lina und Berta Rosenau:

Rika war verheiratet mit dem Privatier Isaak Altmann aus Nürnberg.

Lina erschien mit ihrem Ehemann Leopold Rothschild, Kaufmann in Nürnberg, Pillenreutherstraße 50.

Berta Mann, geb. Rosenau, ist als Privatiersehefrau aus München, Elisabethstraße 19/0 eingetragen. 

Diese drei Schwestern verkauften als Erbengemeinschaft das Haus an den Rechtsanwalt Amrhein um 23.000 Goldmark. Als Erklärung ist beigefügt: ‚Eine Goldmark im Sinne dieser Urkunde entspricht dem Preise von 42.790 kg Feingold ... mindestens aber einer Reichsmark. Diese Erklärung ist uns nicht ganz verständlich. 

Die Zahlung wird in drei Teilen zu je 8.000 GM vereinbart. 

Am 21.11.1938 schreibt Lina Rothschild an Familie Amrhein und bittet um frühere Zahlung als  besprochen, da sie auszuwandern gedenke. Am 7. Januar 1939 erfolgt die gewünschte Zahlung auf ein gesperrtes Zwischenkonto, denn es war zu diesem Zeitpunkt schon schwierig für Juden, ihr Geld aus Hausverkäufen auch wirklich zu bekommen. 

Acht Jahre später, nach dem Krieg, versucht Michael Amrhein die Verkäufer zu finden:

‚Ich benötige nun die Anschrift der genannten Verkäufer zwecks Einholung einer Bestätigung, dass ich das Haus nicht unter Druck sondern freiwillig und preisentsprechend gekauft habe.’  (27.01.1947)

Im Juni 1947 meldet sich Lina Rothschild bei der amerikanischen Militärregierung mit folgendem Schreiben:

... Weil es den Juden nicht möglich war, in Gunzenhausen zu leben, verkauften wir das Haus unter Zwang an Rechtsanwalt M. Amrhein ... zu einem sehr niedrigen Preis. Wir würden das Haus nicht verkauft haben, wenn wir nicht dazu gezwungen worden wären durch die Verfolgung der Juden durch die Nazis.

Im selben Schreiben erfahren wir auch etwas über das weitere Schicksal der beiden Schwestern und deren Nachkommen:

Meine Schwester Frau Bertha Mann, geb. Rosenau, starb. Ihre einzige Erbin ist Frau Claire Simson, geb. Mann, die amerikanische Staatsbürgerin wurde am 30.12.1946 ..., wohnhaft 425 Central Park West, New York 25. 

Meine Schwester Friedericke Altmann, geb. Rosenau, starb ebenfalls. Ihre drei Kinder sind: 

Theo Altmann, dessen Aufenthaltsort mir unbekannt ist
Paula Pariser, geb. Altmann, Beth Hakerem, Paris
Robert Altmann, Ber Tuviah, Palästina

Im Sommer 2009 erhielten wir ein Schreiben von Yoav Etsion, dem Enkel von Paula Pariser. Er sandte uns weitere Informationen über das Schicksal seiner Familie:

Ich bin der Urenkel von Friederika (Rieka) Altmann (früher Rosenau), durch ihre Tochter Paula Pariser ein stolzer Nachkomme von Joseph und Rosa Rosenau.

Ich war tief ergriffen, als ich die Geschichte über meine Vorfahren las, die Sie erarbeitet haben. Ich denke, das ist eine wunderbare Möglichkeit für die Kinder in der Schule Menschlichkeit und Toleranz sowie unsere gemeinsame Geschichte zu lernen. 

Meine Großmutter hat in ihrer Kindheit die Sommer gewöhnlich in Gunzenhausen verbracht. Sie hat sehr liebevolle Erinnerungen an diese Zeit, die sie viel mit ihren Großeltern und Cousinen verbrachte. Ihren Onkel Max Rosenau hat sie sehr gemocht und war sehr traurig, als sie von seinem Tod gehört hat – die Information erhielt sie in den 30er Jahren. Sie hat klar zum Ausdruck gebracht, dass er von einem Nazi-Anhänger ermordet worden ist.

Nachfolgend nun einige Informationen über unseren Zweig der Familie. Bitte lasst es mich wissen, wenn ihr weitere Fragen habt, dann werde ich meine Mutter oder meinen Onkel fragen. Ich kann mal nachsehen, ob wir einige Bilder von Friederika und Isaak Altmann haben.

Friederika und Isaak Altmann

Wie ihr wisst, heiratete Friederika Rosenau Isak Altmann. Das Paar zog nach Nürnberg und hatte vier Kinder: Theodor (Theo), Elsa, Paula und Robert (Reuven).

- Theo wurde um 1890 geboren und starb in den 1950er Jahren in Indien. Wir sind nicht sicher, ob er in Delhi oder Kalkutta begraben liegt. Über sein Leben wissen wir wenig. Er war während des ersten Weltkrieges bei der Luftwaffe, offenbar als Bombardier. Wir wissen ebenfalls, dass er mehrere Semester an verschiedenen deutschen Universitäten studiert hat – was selten war zur damaligen Zeit. Er ist offensichtlich während der 30iger Jahre aus Deutschland geflohen und während des Krieges durch Afrika gereist. Irgendwann kam er in Indien an. Nach dem Tod unserer Großmutter haben wir einen Brief von der jüdischen Gemeinde in Calcutta bekommen. Sie informierten uns, dass sie ihn betreuten, als er krank und verarmt war. Meine Großmutter hatte ihren Bruder bewundert und sprach nach seinem Tod selten über ihn. Über sein einsames Schicksal war sie sehr betrübt. as ist auch der Grund, warum wir nicht so viel über ihn wissen. Doch wir fanden noch ein paar von seinen Universitäts-Zeugnissen.

- Else ist am 20. Januar 1893 in Nürnberg geboren und am 14. Oktober 1918 in Nürnberg gestorben. 

Sie war Krankenschwester und starb im Alter von 25 Jahren, ein Opfer der großen Grippeepidemie (1918). Wahrscheinlich hat sie sich die Grippe bei der Betreuung ihrer Patienten zugezogen. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof in Nürnberg begraben - in der Schnieglinger Straße 155.

- Paula, meine Großmutter, wurde am 8. Juni 1902 in Nürnberg geboren und ist am 8. Februar 1997 in Jerusalem gestorben. In ihrer Jugend war sie aktives Mitglied der zionistischen Blau-Weiß Bewegung, später arbeitete sie als Sekretärin einer jüdischen Organisation. Als ergebene Zionistin wünschte sie sich nach Israel auszuwandern(Palästina), aber ihre Eltern  waren dagegen, denn es war nicht üblich, dass eine alleinstehende Frau allein reiste.
Um 1933 stimmten sie endlich zu, dass sie für sechs Monate reisen kann um ihren Bruder Robert zu besuchen, welcher ein bis zwei Jahre zuvor ausgewandert war. Doch kurz nachdem sie in Israel angekommen war, erhielt sie einen Brief von ihren Eltern, dass sie nicht zurück nach Deutschland kommen solle, weil die politische Situation dort eine schlimme Wendung genommen habe. Dieser Brief rettete vermutlich ihr Leben.

In Israel traf sie ihren späteren Ehemann Ze´ev Pariser und sie hatten drei Kinder. Eli, Micha und  Sholmit (meine Mutter). Mehr über Paula und Ze´ev Pariser weiter unten .

- Robert (Reuven) ist am 7. Juni 1910 in Nürnberg geboren und 1993 in Be´er Tuviah in Israel gestorben.

Wie Paula war auch Robert ein ergebener Zionist und ist zwischen 1931 und 1932 nach Israel ausgewandert, wo er sich in Be´er Tuviah niederließ. Ein Ziel der zionistischen Bewegung war es, eine neue hebräisch-sprechende Gesellschaft zu gründen und den Immigranten zu helfen, die ihren Namen ins Hebräische umwandeln wollten. Entweder halfen sie, die Namen sprachlich umzuformen oder neue Namen zu finden, die ähnlich klangen. Auch Robert Altmann  änderte folglich seinen Namen um in Reuven Alon.  Er heiratete Chaya und hatte drei Söhne: Yoel, Gadi, und Yair. Nach Chayas Tod heiratete er Ruth.  Ich weiß nicht  die exakten Geburtsdaten seiner Söhne, aber sie sind alle zwischen 1930 und 1940 in Be´er Tuviah geboren. Reuven hat sieben Enkelkinder und mehrere Urenkel. Alle seine Nachkommen leben in Israel.

Isak Altmann starb am 4. Mai 1938 und seine Frau Frederika am 25. September 1939. Sie wurden in Nürnberg neben ihrer Tochter Else begraben. Dieses Foto ist von ihrem Grabstein, welchen ich vor einigen Tagen bei einem Kurzbesuch in Deutschland aufgenommen habe. Während  der schwierigen Zeit Ende der 30er Jahre verbrachte meine Urgroßmutter Friederika viel Zeit bei ihrer Schwester Lina in Nürnberg, wie sie in einem Brief im Sommer 1938 an ihre Kinder Paula und Robert beschrieb, kurz nachdem ihr Ehegatte Isak verstorben war. 

Paula und Ze´ev Pariser –  meine Großeltern

Paula Altmann traf Zeév Pariser in Beér Tuviah. Zeév war Konstrukteur, später wurde er ein unabhängiger Unternehmer und Paula war Hausfrau. Das Paar hatte drei Kinder:

- Eli ist 1933 geboren. Er heiratete Yaél und sie bekamen zwei Söhne: Ofer (1965) und Oozie (1967) und zehn Enkelkinder. Nachdem Yaél gestorben war heiratete er Zvia. Sie leben heute in Gan -Yavneh in Israel.

- Micha ist 1937 geboren und wurde nach Max Rosenau benannt. Meine Großmutter wählte den hebräischen Namen Micha, welcher dem Namen Max ähnelt, ihrem geliebten Onkel zu Ehren.

Micha heiratete Rachel und sie hatten zwei Söhne: Rami (1965), Uri (1969) und fünf Enkelkinder. Micha und Rachel leben heute in Jerusalem.

- Sholmit, meine Mutter, wurde 1945 geboren und nach ihrer Großmutter Friederika Altmann benannt: Der Name ist eine Übersetzung von dem Namen Friederika – Friede heißt auf hebräisch Shalom. Meine Mutter heiratete meinen Vater Arnon Etsion und sie hatten drei Kinder – Udi (1974) Yoav (1976), das bin ich und Gili (1983)

Meine Eltern haben drei Enkelkinder und leben heute in Jerusalem.

Paula und Ze´ev haben also drei Kinder, sieben Enkelkinder und 18 Urenkel. Der einzige andere Nachkomme der Rosenau Familie mit dem meine Großmutter noch in Kontakt ist, heißt Max Lamb und lebt in New York (Er ist der Sohn von Rosa, geb. Rosenau und Justin Lamm - siehe Hensoltstraße 7).

Außer mir leben alle Nachkommen von Friederika und Isak Altmann in Israel. Zurzeit lebe ich mit meiner Familie in Barcelona, Spanien.

 Yoav Etsion

Wie wir von anderen Häusern wissen, musste die Familie Amrhein nun Miete für ihr Haus bezahlen. Daraufhin lässt der Anwalt für sein Anwesen ein Schätzungsgutachten erstellen. Der Vorkriegswert des Hauses wird auf 18.413 RM festgelegt. Als Nachkriegsverkehrswert wird die Summe von 20.000 DM genannt.

Im Jahr 1952 kommt es zu einem Vergleich und das Haus wird aus der Vermögenskontrolle entlassen. 

Schon um 1950 richtet auch eine Zweigstelle der Sammeltreuhänder für jüdisches Vermögen in dem Haus ihr Büro ein. 1955 verstirbt Michael Amrhein.

1964 beschließt die Witwe, Frau Amrhein, das Haus zu verkaufen. 

Der Mann ihrer Tochter Elisabeth, Hermann Albert, war Stadtrat und Richter am Amtsgericht Gunzenhausen. Er hat möglicherweise zu der Zeit als Verwalter des Hauses fungiert. Karin Albert ist die Tochter dieses Ehepaares. 

Herr und Frau Teinzer, die damals den Fränkischen Hof bewirtschafteten, erwerben das Haus. 

Ein Teil des Erdgeschosses wird als Arztpraxis an Dr. Demuth vermietet. 

Von 1980 bis 1982 betreibt Isabella Gröschel hier ein Bestattungsunternehmen. 

1990 lässt der Sohn der Familie, Heinz Teinzer, das Erdgeschoss für sich zur Wohnung umbauen. 

Bis heute ist das Haus im Familienbesitz.

Die Geschichte der Familie Lehmann

Die Familie Lehmann lebt um 1930 schon in der dritten Generation in Gunzenhausen. Der Großvater Gütel Lehmann ist aus Burghaslach nach Gunzenhausen gekommen. Er ist Hopfenhändler wie sein Sohn Abraham (* 10.12.1845 + 10.08.1909 in Gunzenhausen). Verheiratet ist Abraham mit Julie, geb. Iglauer (* 03.07.1850 + 15.09. 1917). Ihr Grabstein steht  noch auf unserem Judenfriedhof. Der Enkel, Ernst Lehmann, geb. 20.07.1878 in Gunzenhausen, ist als Kaufmann eingetragen. Am 25.10.1909 heiratet er in Göppingen Julie Dörzbacher, geb. am 31.10.1884 in Göppingen. 
Foto rechts:

Ernst und Julie Lehmann 1934 in Gunzenhausen. © Hazel Green


Ernst Lehmann

Julie Lehmann
Julie Lehmann

Das Ehepaar wohnt zunächst in der Hensoltstraße 4, dort werden vermutlich die ältesten vier der sechs Kinder geboren:

Susi

* 29.08.1910

in Gunzenhausen

Gertrud

* 18.09.1911

in Gunzenhausen

Lisbeth

* 10.11.1912

in Gunzenhausen

Walter

* 31.03.1914

in Gunzenhausen

Leopold Ludwig 

* 24.11.1917

in Gunzenhausen

Ilse

* 12.04.1921

in Gunzenhausen

Lehmann-Kinder Ende der 20-er Jahre in Gunzenhausen
Hinten: Leopold und Walter
Vorne: Gertrud, Ilse, Susi und Lisbeth
© Hazel Green

Lisbeth Lehmann
Lisbeth Lehmann
Leopold Ludwig Lehmann
Leopold Ludwig Lehmann

Gertrud Lehmann
Gertrud Lehmann

Aus dem Leben von Ilse Lehmann und ihrer 
Tochter Hazel

Ilse Lehmann mit ihrer Familie im September 1950
Ilse Lehmann mit ihrer Familie im September 1950
Von links nach rechts: Ilse Lateman (geb. Lehmann), Baby Hazel, Israel "Ben" Latemann (Ilses Mann), Susi Sadler (geb. Lateman).
Vorne: Julie Lehmann. © Hazel Green
Am 12. April 1991 feierte Ilse Lehmann ihren 70. Geburtstag
Am 12. April 1991 feierte Ilse Lehmann ihren 70. Geburtstag. 
Von links nach rechts: Colin Green (Ilses Schwiegersohn), Samuel Green (Ilses Enkel, 8 Jahre alt), Carole Lateman (Ilses jüngere Tochter), Hannah Green (Ilses Enkelin, 
6 Jahre alt), Ilse an ihrem 70. Geburtstag, Ilses Mann Israel "Ben" Lateman. (Das Foto nahm die ältere Tochter Hazel auf.) © Hazel Green
Hazel Green und ihr Cousin Eric Rosenthal im November 2004 in New York
Hazel Green und Eric Rosenthal im November 2004 in New York. 
Dort traf sie den Cousin ihrer Großmutter Julie Lehmann zum ersten Mal. Eric hat keine Verbindungen zu Gunzenhausen; seine Familie stammte aus Göttingen.
© Hazel Green

Hazel Green hat die Geschichte ihrer Familie aufgeschrieben.

 

Später zieht die Familie in die Burgstallstraße 7 als Mieter von Max Rosenau. Dort erleben sie auch das erste Judenpogrom am Palmsonntag, dem 25. März 1934.

In den Spruchkammerakten fanden wir dazu folgende Aussage:

"Was den Tod des Max Rosenau anlangt, so steht durch die eidliche und glaubwürdige Aussage der Zeugin Liesbeth Lehmann zur Überzeugung des Gerichts völlig einwandfrei fest, dass er nachdem die Familie Lehmann bei dem Ansturm der Menge in das Schlafzimmer geflüchtet war, allein im Wohnzimmer zurück geblieben war. Er hatte das Licht, das man ausgedreht hatte, wieder aufgedreht. Die Zeugin sah ihn durch die Schlafzimmertüre, die etwas zu einem Viertel offen stand, mit einem Messer in der Hand an dem Klavier  stehen. Sie forderte ihn noch auf, das Messer wegzutun, weil sie befürchtete, dass er sich damit zur Wehr setzen wolle. Wie sie einen Moment darauf wieder zu Rosenau herausschaute, sah sie, wie er das Messer noch in der Hand hatte und bereits blutete. Die Weste und das Hemd waren geöffnet und zurückgeschlagen. Kurz darauf hörte sie, wie Rosenau gerufen hat: „Ich bin schon tot, mir braucht ihr nichts mehr tun.“ 

Bald darauf ist er am Klavier, wo er noch stand, zusammengesunken. Durch den Sachverständigen Dr. Kraus ist erwiesen, dass Rosenau an der linken Brustseite 5 Stiche aufwies, die mit dem bei Gericht liegenden Messer geführt worden sein können. Der 3. Stich ist in die Spitze des Herzens gegangen und war tödlich, während die anderen Stiche nicht tödlich gewesen wären. ... Eine andere Todesursache konnte nicht festgestellt werden. Eine Tötung durch fremde Hand ist nicht zwingend. ... Das eindeutige Beweisergebnis mit einer jüdischen Zeugin als Kronzeugin lässt keinen anderen Schluss zu. 

Was den Grund des Selbstmordes ... angeht, so konnte nichts Bestimmtes festgestellt werden. Es muss angenommen werden, dass die Furcht vor der Verhaftung und vor Misshandlungen die beiden (Max Rosenau und Jakob Rosenfelder) in den Tod getrieben hat, zumal sie ein schlechtes Gewissen insofern hatten, als sie nach den Feststellungen  in der Hauptverhandlung in den Jahren des Kampfes besonders feindlich gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung aufgetreten sind ...  Rosenau soll im Jahr 1923 nach einer Saalschlacht verletzte Kommunisten bei sich aufgenommen haben.

 

Einer anderen Schilderung aus dem Heft ‚Alt-Gunzenhausen’ entnehmen wir:

... Den Kaufmann Max Rosenau suchten sie ebenfalls in seiner Wohnung. Nachdem sie ihn dort nicht auffanden, drangen sie in die Wohnung seines Nachbarn Lehmann ein. Dessen Tochter bot ihnen an, anstelle ihres herzkranken Vaters festgenommen zu werden. Sie wurde jedoch verprügelt und ihr Vater und ihre Brüder festgenommen. Später wurde Max Rosenau in einem Zimmer der Lehmannschen Wohnung mit fünf Messerstichen in der Brust aufgefunden ...

Frau Hellmann als Baltimore schreib uns dazu:

“Max Rosenau was killed when he opened the door to his house on Palm Sunday and a Nazi slashed him with a sword.”

Wie aus der Einwohnerkartei hervorgeht, ziehen die Mitglieder der Familie Lehmann nach diesem tragischen Vorfall von Gunzenhausen weg und bemühen sich um die Ausreise aus Deutschland.

Walter wandert am 09.08.1935 nach Argentinien aus. 

Sein Bruder Leopold Ludwig folgt ihm am 21.09.1936 nach Buenos Aires. 

Die beiden Eltern Ernst und Julie Lehmann verziehen am 30.05.1938 nach Frankfurt am Main und folgen Leopold nach Argentinien. 

Die jüngste Tochter Ilse verzieht am 06.09.1933 nach Göppingen, kommt am 29.01.1936 zurück nach Gunzenhausen und verzieht wie ihre Eltern am 30.05.1938 nach Frankfurt am Main. Sie wandert nicht mit den Eltern nach Argentinien aus, sondern kommt allein nach England, lebt zuerst in Manchester, dann in London und von 1958 an in Bournemouth. Ilse heiratet am 23.12.1945  Israel "Ben" Lateman. Sie stirbt am 31.01.2002. 

Lisbeth wandert am 21.09.1936 nach Sao Paulo aus. 

Die älteste Schwester Susi, die 1932 in Nürnberg Otto Sadler geheiratet hatte, verzieht am 04.04.1932 nach Waidhaus und emigriert mit ihrem Mann und der 1935 geborenen Tochter Eva nach Kenya in Afrika.

Gertrud verzieht am 23.10.1934 nach Cham in der Oberpfalz, geht dann mit ihrer Familie zunächst nach Israel. Zehn Jahre später ziehen sie nach New York. Sie stirbt 1998.

1945 verstirbt Ernst Lehmann in Buenos Aires. 

Meldekarte der Familie Lehmann
Die Meldekarte der Stadt Gunzenhausen gibt genau Auskunft über Zu- und Wegzüge der Mitglieder der Familie Lehmann. © Stadtarchiv Gunzenhausen

Aus einem Brief, den Gertrud um 1959 an Fred Dottheim in St. Louis geschrieben hat, erfuhren wir viel über das Schicksal der Familie Lehmann:

Lieber Fredi,

 

Du kannst Dir wahrscheinlich nicht vorstellen, wie sehr wir uns, meine liebe Mutter und ich, über Deine lieben Zeilen gefreut haben. Als ich vor ungefähr acht Jahren in den USA ankam, bemühte ich mich um Deinen Aufenthaltsort, jedoch vergebens, niemand wusste etwas von Dir, bis es nun Frau Katten (Herta Rosenfelder, Marktplatz 16) doch gelungen ist. ... Hoffentlich kannst Du diesen Brief, welchen ich in unserer Muttersprache schreibe, auch lesen. Es würde mir viel zu lange dauern englisch zu schreiben, da ich hier niemals in die Schule gegangen bin und so nur Sprechen durch den Umgang gelernt habe. Wir waren 10 Jahre in Israel und wie bereits gesagt, sind wir nicht allzu lange hier wie viele andere. Mein Mann arbeitet und bin im Catering business, so kannst Du Dir denken, dass ich in der Saison sehr beschäftigt bin. Wir haben einen 11jährigen Jungen. Meine Mutter ist seit 5 Monaten zu Besuch hier und fährt am 16. März wieder nach Buenos Aires wo Walter und Poldi leben und auch sie seit 17 Jahren. Mein Vater starb 1945 dort. Susi lebt im Kongo (muss heißen Kenya), East Africa, und Ilse ist in England verheiratet. Lisbeth starb leider im 31. Lebensjahr in Brasilien. Nun weißt Du alles in kurzen Zügen. ...

 

Von Hazel Green haben wir mehr Informationen über Nachkommen der Familie Lehmann erhalten. Wir werden im Stadtarchiv Hamburg-Hamm anfragen, ob ein Walter Lehmann dort gelebt hat. Es ist in unserem Archiv vermerkt, dass der dort 1964 eine Frau Ingeborg Ruth Neu geheiratet haben soll.
Zurück zur Übersicht Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Zurück zur Übersicht Jüdisches Leben

Zurück zu den Bildungsseiten der Stadt

Zurück zu den Bildungsseiten der Stadt


Last updated 2009-12-01 by Franz Müller