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Sebastian Billmeyer und Dominik Hoff Die Geschichte des Hauses Luitpoldstraße 1
Zur Geschichte des Hauses und der Familie Der Kaufmann und Bankier Karl Weinmann, geb. 21.07.1890, zog 1914 von Altenmuhr nach Gunzenhausen und wohnte in der Bahnhofstraße 12 bei Rosenfelder. 1920 heiratete er Lina Rosenfelder aus Nördlingen und erwarb später das Haus Ecke Burgstallstraße/Luitpoldstraße. Dort kamen auch ihre beiden Söhne zur Welt, 1922 Berthold und 1926 Max. Doch schon 1929 verstarb Lina Weinmann und wurde auf dem Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde in Gunzenhausen beerdigt, wo heute noch ihr Grabstein steht. Karl Weinmann heiratete in zweiter Ehe 1930 Gretl Eberhardt aus Maßbach.
In einem Brief berichtet Max Weinmann über die folgenden Jahre: ,Ich kann mich noch gut erinnern, dass der Antisemitismus in Gunzenhausen unerträglich wurde, wir konnten uns kaum auf die Straße trauen. Als ich mit meinem Bruder Berthold einmal in der Altmühl badete, wurden wir von uniformierten Nazis untergetaucht (Kinder von 8 und 12 Jahren!).' Die Familie entschloss sich, 1934 Gunzenhausen zu verlassen. Im November verkaufte sie ihr Haus an den Zahnarzt Dr. Theodor Wissmüller. ‚ ... ich war anwesend, als mein Vater nach langem
Handel dies Haus zu Von der Familie Wissmüller erhielten wir alle Unterlagen, die den Besitzerwechsel des Hauses dokumentieren. Interessant ist, dass nicht der Zahnarzt Theodor Wissmüller die Verkaufsverhandlungen führte, sondern sein Vater, Herr Michael Wissmüller, der zu dieser Zeit Oberlehrer in dem kleinen Nachbarort Wald war. Sein Verhandlungspartner war den Dokumenten zufolge das Bankhaus David Heimann (siehe Haus Marktplatz 16), der Arbeitgeber und Schwiegervater von Karl Weinmann. Nach dem Krieg wurde auch dieses Haus unter Vermögenskontrolle gestellt, so dass Michael Wissmüller die aktuelle Adresse der Familie Weinmann suchen musste, um die gewünschte Bestätigung zu erhalten. Vom Central Committee of Liberated Jews erhielt er am 19. Februar 1947 folgende Antwort
Schon eine Woche später muss die Familie die genaue Adresse erhalten haben, denn am 28. Februar schreibt Oberlehrer Wissmüller an Herrn Karl Weinmann. Er bittet ihn, ihm zu bestätigen, dass der Kauf rechtmäßig und ohne Zwang erfolgt sei und dass er auf Wiedergutmachungsansprüche aus diesem Anwesen verzichte:
Doch die Militärregierung verlangte auch von den Käufern eine eidesstattliche Erklärung über den Kauf des Hauses.
Diese Bestätigung dürfte der Familie nicht leicht gefallen sein, da sie in Argentinien kaum über Geldmittel verfügte. Doch der Bankier Weinmann zeigte eine noble Haltung und verzichtete damit auf Nachforderungen, obwohl er zu dieser Zeit schon herzkrank war. Sein Sohn Max schrieb uns über die erste schwere Zeit nach der Ankunft in Argentinien: ‚Im Juni 1937 emigrierte unsere Familie nach
Argentinien praktisch mittellos. Da mein Vater keine Aussicht hatte, eine
Stellung als Bankier in Buenos Aires zu bekommen (er konnte die Sprache
nicht und war schon herzkrank), fasste er den Entschluss in das Innere des
Landes zu den Bergen in der Nähe der Grenze zu Chile zu reisen. Da er
dort einen Neffen hatte, wollte er in dieser Gegend ein kleines Geschäft
aufmachen ...
Sie zogen in eine Großstadt am Atlantik, eröffneten dort ein Geschäft und bekamen zwei Kinder, Lilian und Carlos. Inzwischen haben sie vier Enkel und leben in Mar del Plata. Sein inzwischen verstorbener Bruder Berthold lebte in Buenos
Aires und war verheiratet mit Lore Schwarz aus Stuttgart. Auch sie haben
zwei Kinder. Max Weinmann besuchte einige Male das Grab seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof in Gunzenhausen und sah sich sein Elternhaus an. ,Wir waren ... in Gunzenhausen und sahen das Schild eines Zahnarztes an dem Haus ... seinen Namen kann ich nicht erinnern ...'
Im Sommer 2001 besuchte das Ehepaar Max und Edith Weinmann Deutschland, da die Stadt Stuttgart ihre ehemalige Mitbürgerin Edith Weinmann zusammen mit ihrem Mann für zwei Wochen eingeladen hatte. In dieser Zeit haben sie erfreulicherweise einen Abstecher nach Gunzenhausen gemacht, um sich mit uns zu treffen. Herr Weinmann schilderte uns sein Leben und wir konnten ihnen Fragen stellen. Begleitet wurden sie von Schwester und Schwager Frau Weinmanns, Frau und Herrn Friedenbach. Bei einem Podiumsgespräch, in dem Herr Bürgermeister Trautner, Herr Stadtarchivar Mühlhäußer und zwei Zeitgenossinnen von Herrn Weinmann, Frau Netuschil und Frau Raab, zusammen mit uns versuchten, die Zeit des Dritten Reiches in Gunzenhausen zu erörtern, erfuhren wir viel über die Nöte und die Beweggründe der Menschen in dieser Zeit. In
einem beeindruckenden Plädoyer sagte uns Frau Weinmann:
Uns alle beeindruckte die noble Haltung von Herrn Weinmann, der darauf bestand, keine Namen zu nennen von Menschen, die er hier als Kind gefürchtet hat, weil sie ihm und anderen jüdischen Mitbürgern damals große Angst eingejagt hatten. Besonders bewegt war er, als er zum ersten Mal seit der Flucht sein Elternhaus wieder betreten konnte.
Das Haus Luitpoldstraße 1 ist heute im Besitz des Zahnarztes Dr. Wolfgang Wissmüller, dem Sohn von Dr. Theodor Wissmüller. Er hat dort seine Zahnarztpraxis. Nach seiner Rückkehr nach Argentinien schrieb uns Max Weinmann: "Ich
muss gestehen, dass ich sehr beeindruckt war als ich in das Klassenzimmer
eintrat und die Photos meiner Eltern und unseres damaligen Hauses sah und
die anderen Häuser der damaligen jüdischen Mitbürger.
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