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Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Sebastian Billmeyer und Dominik Hoff

Die Geschichte des Hauses Luitpoldstraße 1

 

Bauherr:

Michael Beißer

Baujahr:

1893

Besitzerwechsel:

Die Witwe von Michael Beißer erbt nach seinem Tod das Haus.

1901 erwirbt der Privatier Friedrich Kaußler  das Haus für 16.000 Mark.

1921 geht das Haus an Nathan Rosenfelder, Bankier.
Dieser baut es 1922 um.

Um 1926 kauft es Karl Weinmann, Kaufmann und Bankier.

Später geht es an Fam. David Heimann

Am 09.10.1934 wird es an Theodor Wißmüller, Zahnarzt, verkauft.

Zur Geschichte des Hauses und der Familie

Der Kaufmann und Bankier Karl Weinmann, geb. 21.07.1890, zog 1914 von Altenmuhr nach Gunzenhausen und wohnte in der Bahnhofstraße 12 bei Rosenfelder.

1920 heiratete er Lina Rosenfelder aus Nördlingen und erwarb später das Haus Ecke Burgstallstraße/Luitpoldstraße.

Dort kamen auch ihre beiden Söhne zur Welt, 1922 Berthold und 1926 Max.

Doch schon 1929 verstarb Lina Weinmann und wurde auf dem Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde in Gunzenhausen beerdigt, wo heute noch ihr Grabstein steht.

Karl Weinmann heiratete in zweiter Ehe 1930 Gretl Eberhardt aus Maßbach.


Karl Weinmann


Gretl Weinmann

In einem Brief berichtet Max Weinmann über die folgenden Jahre:

,Ich kann mich noch gut erinnern, dass der Antisemitismus in Gunzenhausen unerträglich wurde, wir konnten uns kaum auf die Straße trauen. Als ich mit meinem Bruder Berthold einmal in der Altmühl badete, wurden wir von uniformierten Nazis untergetaucht (Kinder von 8 und 12 Jahren!).'

Die Familie entschloss sich, 1934 Gunzenhausen zu verlassen. Im November verkaufte sie ihr Haus an den Zahnarzt Dr. Theodor Wissmüller.

‚ ... ich war anwesend, als mein Vater nach langem Handel dies Haus zu 
14.000 Mark verkaufte ...
... nach dem Krieg schickte mein Vater diesem Zahnarzt eine Bestätigung, dass das Haus zu einem reellen Preis verkauft worden war ...’

Von der Familie Wissmüller erhielten wir alle Unterlagen, die den Besitzerwechsel des Hauses dokumentieren.

Interessant ist, dass nicht der Zahnarzt Theodor Wissmüller die Verkaufsverhandlungen führte, sondern sein Vater, Herr Michael Wissmüller, der zu dieser Zeit Oberlehrer in dem kleinen Nachbarort Wald war. Sein Verhandlungspartner war den Dokumenten zufolge das Bankhaus David Heimann (siehe Haus Marktplatz 16),  der Arbeitgeber und Schwiegervater von Karl Weinmann. 

Nach dem Krieg wurde auch dieses Haus unter Vermögenskontrolle gestellt, so dass Michael Wissmüller die aktuelle Adresse der Familie Weinmann suchen musste, um die gewünschte Bestätigung zu erhalten.

Vom Central Committee of Liberated Jews erhielt er am 19. Februar 1947 folgende Antwort

Wir haben nach allen Richtungen hin Nachforschungen über den von Ihnen gesuchten

                            Bankier Karl    W e i n m a n n

gehalten und erst jetzt ist es uns gelungen, in Erfahrung zu bringen, dass derselbe von hier aus nach Argentinien ausgewandert ist. Das Abmeldedatum ist der 1.6.1937. Wir werden nun in Argentinien nachfragen und geben Ihnen weitere Nachrichten, sobald wir etwas Positives in Erfahrung bringen. 

Hochachtungsvoll 
CENTRAL COMMITTEE
B. Konichsky, Eng.

Schon eine Woche später muss die Familie die genaue Adresse erhalten haben, denn am 28. Februar schreibt Oberlehrer Wissmüller an Herrn Karl Weinmann. Er bittet ihn, ihm zu bestätigen, dass der Kauf rechtmäßig und ohne Zwang erfolgt sei und dass er auf Wiedergutmachungsansprüche aus diesem Anwesen verzichte:

Es tut mir, sehr geehrter Herr Weinmann, außerordentlich leid, dass ich Ihnen noch solche Umstände bereiten muss, aber wenn ich die Bestätigung von Ihnen nicht vorlegen kann, zieht sich die Angelegenheit unnötigerweise lange hinaus.

 Frau Selma Rosenfelder hat übrigens der Bank diese Bestätigung schon zugehen lassen, so dass das Grundstück schon freigegeben wurde.

Doch die Militärregierung verlangte auch von den Käufern eine eidesstattliche Erklärung über den Kauf des Hauses.

Wissmüller Michael
Oberlehrer                                               

 Wald, 23. Nov. 1947

 Eidesstattliche Erklärung

Zu dem Kauf des Hauses Luitpoldstr.1, Gunzenhausen, Eigentümer Dr. Theo Wissmüller, (Verkäufer Firma D. Heimann, offene Handelsgesellschaft, Bankgeschäft in Gunzenhausen), gebe ich folgende eidesstattliche Erklärung ab:

Da mein Sohn Theodor Wissmüller nach seiner praktischen Tätigkeit als Assistent an der Universitätsklinik Würzburg und als Vertreter verschiedener Zahnärzte die Absicht hatte, sich in Gunzenhausen niederzulassen, suchte ich auf seinen Wunsch hierfür geeignete Räume zu mieten. eine Auf eine Suchanzeige im Altmühboten, der Zeitung der Stadt Gunzenhausen, erklärte meiner Frau ein uns bekannter jüdischer Kaufmann von Gunzenhausen (Josef Guggenheimer), dass Herr Weinmann (Mitinhaber der Firma D. Heimann),  Luitpoldstr. 1 geeignete Räume vermieten würde. 

Bei meiner Vorsprache bei Herrn Weinmann erklärte mir dieser, dass er wegen des Hauses bereits in Verkaufsverhandlungen stehe. Auf meine Frage nach dem Kaufpreis sagte mir Herr Weinmann, dass es RM 16.000 koste. Nach kürzerer Verkaufsverhandlung einigten wir uns auf M 14.000. Der Einheitswert des Hauses betrug damals RM 7.500. Ich bat, da mich mein Sohn nur ersucht hatte, Räume zu mieten, um einen Tag Bedenkzeit, den mir Herr Weinmann auch gewährte.

Am 9. Oktober 1934 wurde der Kauf des Hauses durch das Notariat Gunzenhausen ohne Wissen und Wollen meines Sohnes verbrieft.

Erst einen Monat später, am 6. November 1934, hat mein Sohn den Kauf des Hauses genehmigt.

Der gesamte Kaufpreis von RM 14.000 wurde bis zum 1. Jan. 1935 in bar an Herrn Weinmann bezahlt.

Dass der Kauf des Hauses ohne Zwang und rechtmässig erfolgte, ergibt sich aus der beiliegenden Erklärung des Herrn Weinmann.

 Gez.  M. Wissmüller

 

Bestätigung

Hiermit bestätige ich Herrn Oberlehrer Wissmüller, Wald, dass der seinerzeit erfolgte Verkauf des Hauses Luitpoldstr. 1 in Gunzenhausen rechtmässig und ohne Zwang erfolgte.

gez. Carlos Weinmann

Diese Bestätigung dürfte der Familie nicht leicht gefallen sein, da sie in Argentinien kaum über Geldmittel verfügte. Doch der Bankier Weinmann zeigte eine noble Haltung und verzichtete damit auf Nachforderungen, obwohl er zu dieser Zeit schon herzkrank war.

Sein Sohn Max schrieb uns über die erste schwere Zeit nach der Ankunft in Argentinien:

‚Im Juni 1937 emigrierte unsere Familie nach Argentinien praktisch mittellos. Da mein Vater keine Aussicht hatte, eine Stellung als Bankier in Buenos Aires zu bekommen (er konnte die Sprache nicht und war schon herzkrank), fasste er den Entschluss in das Innere des Landes zu den Bergen in der Nähe der Grenze zu Chile zu reisen. Da er dort einen Neffen hatte, wollte er in dieser Gegend ein kleines Geschäft aufmachen ...
Ich ging dann dort in die einzige Schule, die es gab. In dem Dorf gab es keinen Strom, keine Wasserleitung, kein eingerichtetes Bad, die Fußböden in den Häusern waren von Lehm oder Ziegelsteinen; also alles unbeschreiblich primitiv.’

1948 starb Karl Weinmann, kurz darauf heiratete Max Weinmann Edith Strauss aus Stuttgart.

Sie zogen in eine Großstadt am Atlantik, eröffneten dort ein Geschäft und bekamen zwei Kinder, Lilian und Carlos. Inzwischen haben sie vier Enkel und leben in Mar del Plata.

Sein inzwischen verstorbener Bruder Berthold lebte in Buenos Aires und war verheiratet mit Lore Schwarz aus Stuttgart. Auch sie haben zwei Kinder.

      
Max Weinmann zu Pferde in Argentinien

Max Weinmann besuchte einige Male das Grab seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof in Gunzenhausen und sah sich sein Elternhaus an.

,Wir waren ... in Gunzenhausen und sahen das Schild eines Zahnarztes an dem Haus ... seinen Namen kann ich nicht erinnern ...'


Max Weinmann und Bürgermeister 
Gerhard Trautner

Im Sommer 2001 besuchte das Ehepaar Max und Edith Weinmann  Deutschland, da die Stadt Stuttgart ihre ehemalige Mitbürgerin Edith Weinmann zusammen mit ihrem Mann für zwei Wochen eingeladen hatte. In dieser Zeit haben sie erfreulicherweise einen Abstecher nach Gunzenhausen gemacht, um sich mit uns zu treffen.

Herr Weinmann schilderte uns sein Leben und wir konnten  ihnen Fragen stellen. Begleitet wurden sie von Schwester und Schwager Frau Weinmanns, Frau und Herrn Friedenbach.

Bei einem Podiumsgespräch, in dem Herr Bürgermeister Trautner, Herr Stadtarchivar Mühlhäußer und zwei Zeitgenossinnen von Herrn Weinmann, Frau Netuschil und Frau Raab, zusammen mit uns versuchten, die Zeit des Dritten Reiches in Gunzenhausen zu erörtern, erfuhren wir viel über die Nöte und die Beweggründe der Menschen in dieser Zeit.

 In einem beeindruckenden Plädoyer sagte uns Frau Weinmann: 

,Wir hassen nicht, aber wir können auch nicht vergessen. Ich rate euch, nicht zu hassen. Der, der hasst, ist immer der Ärmere. Zwischen den beiden Extremen Hass und Liebe ist viel Raum für andere Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, zum Beispiel für Respekt voreinander.'


Frau Raab, Frau Netuschil, Frau und Herr Weinmann, Herr Trautner, Herr Mühlhäußer, 
Frau Friedenbach in unserem Klassenzimmer

Uns alle beeindruckte die noble Haltung von Herrn Weinmann, der darauf bestand, keine Namen zu nennen von Menschen, die er hier als Kind gefürchtet hat, weil sie ihm und anderen jüdischen Mitbürgern damals große Angst eingejagt hatten.

Besonders bewegt war er, als er zum ersten Mal seit der Flucht sein Elternhaus wieder betreten konnte.

Max Weinmann vor seinem Elternhaus


1932


2001

Das Haus Luitpoldstraße 1 ist heute im Besitz des Zahnarztes Dr. Wolfgang Wissmüller, dem Sohn von Dr. Theodor Wissmüller. Er hat dort seine Zahnarztpraxis.

Nach seiner Rückkehr nach Argentinien schrieb uns Max Weinmann:

"Ich muss gestehen, dass ich sehr beeindruckt war als ich in das Klassenzimmer eintrat und die Photos meiner Eltern und unseres damaligen Hauses sah und die anderen Häuser der damaligen jüdischen Mitbürger.

Beim Lesen des Materials, das mir überreicht wurde, muss ich ja von Dank sprechen, dass unserer Familie nicht das gleiche zugestoßen ist, wie leider so vielen anderen Juden Gunzenhausens, die in den Vernichtungslagern umgekommen sind.

Die Verantwortlichen dieser Untaten sind ja zum größten Teil ausgestorben, heute lebt ja Deutschland eine vorbildliche Demokratie und es wäre Unrecht, die Schuld den späteren Generationen zuzuschanzen.

Natürlich kann man das Geschehene nicht vergessen, aber die Schritte zur Versöhnung, welche Sie erwähnen, sind aufrichtig und ich denke, dass das bei fast allen Deutschen der Fall ist.

Ich will mich nochmals bedanken für Ihre so herzlichen Briefe, ich finde keine Worte dafür, Ihnen zu erklären, wie sehr sie mich bewegen. Auch für mich war der kurze Aufenthalt in Gunzenhausen eine ‚Sternstunde’, wie Herr Franz Müller es beurteilt ...


Oft erinnern wir uns an den denkwürdigen Tag in Gunzenhausen. Es hat mich besonders gerührt nach all den schlimmen Taten, die dort geschehen sind so menschliche Wärme zu spüren und so wertvolle Menschen kennen zu lernen. Hoffentlich können wir den Kontakt weiter aufrechterhalten und uns eines Tages wiedersehen."

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Last updated 2003-10-22 by Franz Müller