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Marina Brunner und Anja Kirchner Geschichte des Hauses Marktplatz 5
Die Geschichte dieses Hauses 1856 wurde anstelle des abgebrochenen Spitaltörleins und der hier verlaufenden Stadtmauer das Haus Marktplatz 5 von Johann Bronnenmeier und seiner Frau Eva, geb. Meyer errichtet. Schon nach sieben Jahren verkauft er es an den jüdischen Kaufmann und Webermeister Joseph Blumenstein um 13.500 Florin. Da es in Gunzenhausen zu dieser Zeit noch keine Synagoge gab, fanden in diesem Haus von 1880 bis 1883 die Gottesdienste der jüdischen Gemeinde statt. 1891 starb J. Blumenstein und seine Witwe Doris Blumenstein, geb. Dormitzer erbte 1892 den Besitz. 1915 ging es Haus an die "Damen Blumenstein" über. Die vier Schwestern betrieben hier eine Textilwarenhandlung bis zum Jahr 1933. In diesem Jahr vermieten sie ihr Geschäft an die Schwestern Reichel, obwohl sie weiterhin in Gunzenhausen wohnen. Es ist anzunehmen, dass sie ihr Geschäft aus Altersgründen aufgeben, denn sie sind zu diesem Zeitpunkt alle über 60 Jahre alt. Erst im Jahr 1935 übersiedeln sie alle nach Nürnberg, wo eines der insgesamt 10 Geschwister ein Spielzeuggeschäft betreibt. Inzwischen heißt die Adresse in Gunzenhausen nicht mehr Marktplatz 5 sondern ist umbenannt in Adolf-Hitler-Platz 5. Noch immer sind die drei Schwestern Gertrud, Luise und Johanna Reichel Mieterinnen und bezahlen zunächst 150 RM monatlich, später 110 DM monatlich. Alle vier Reichel-Schwestern, Töchter des Bezirksbaumeisters Carl Reichel in Gunzenhausen, hatten einen Beruf erlernt. Luise Reichel war Innenarchitektin in Berlin, Gertraud Reichel war Directrice in Coburg, Mathilde Reichel hatte eine Ausbildung als Krankenschwester und Johanna Reichel arbeitete als kaufmännische Angestellte bei der Firma Loos und später am Finanzamt. Doch in dieser Zeit waren sie alle bis auf Mathilde ohne Arbeitsstelle, so dass sie sich entschlossen ein Geschäft zu eröffnen. Ihre Mutter, Ernestine Reichel, geb. Prosiegel aus Markt Berolzheim war in den Zwanziger Jahren eine der ersten Stadträtinnen von Gunzenhausen 1938 ist Berta Blumenstein alleinige Besitzerin des Hauses, da ihre Schwester Lina in der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach untergebracht werden musste und ihre anderen Schwestern erkrankt bzw. verstorben sind.
In der Reichskristallnacht am 9. November 1938 werden alle noch in Gunzenhausen lebenden Juden aus ihren Häusern gejagt und im Treppenhaus dieses Hauses eingeschlossen. Von dort bringt man sie am nächsten Morgen zum Bahnhof Gunzenhausen, wo sie in Güterwaggons verladen und in Konzentrationslager abtransportiert werden. 1942 treffen die Schwestern Reichel Berta Blumenstein in Nürnberg, um Verkaufsverhandlungen zu führen. Sie trägt einen gelben Judenstern und muss den Namen Berta Sara Blumenstein tragen. Das Haus wird von Gertrud, Luise und Johanna Reichel für 19.500 RM gekauft, doch es ist ziemlich sicher, dass Berta Blumenstein das Geld nicht mehr erhalten hat, denn sie wird kurz danach in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie schon am 14.01.1943 umkommt. Die letzte Überlebende der Reichel-Schwestern, Frau Johanna Müller, geb. Reichel berichtet von mehrmaligen Boykottversuchen eines Gunzenhäuser Geschäftsmannes in den ersten Jahren. Schilder mit der Aufschrift
seien mehrmals vor ihrem Schaufenster aufgestellt worden, weil es eben ein Judenhaus gewesen sei. Doch der damalige Bürgermeister Appler, obwohl ein Nationalsozialist, habe sie immer unterstützt. Von den Damen Blumenstein hat keine das Dritte Reich überlebt, doch ihre Neffen und Nichten stellten 1946 Nachforderungen an die Familie Reichel, da sie kein Geld erhalten hatten. 1957 wurde das Urteil gefällt und sie mussten noch einmal 21.000 DM plus Lastenausgleich bezahlen. Bis 1969 führte die Familie das Geschäft selbst, dann wurde es vermietet. Die oberen Etagen waren schon immer vermietet, da die Familie Reichel in der Sichlingerstraße wohnt. Vor 10 Jahren forderte die Stadt den Abriss einer alten Hopfenscheune, die im Hof hinter dem Haus stand. Nach heftigen Widerständen gab Frau J. Müller 1994 auf und verkaufte das gesamte Anwesen an den Bauunternehmer Bromm aus Theilenhofen. Heute sagt sie: "Es lag kein Segen auf dem Judenhaus."
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