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Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Katharina Engel und Sandra Kielies

Geschichte des Hauses Marktplatz 35

 


Haus um 1920. Foto: Archiv Theo Ott


Haus im Jahr 2002

Bauherr:

Matthias Faß

Baujahr:

1692

Besitzerwechsel:

  • 1715 wurde das Haus in zwei Hälften geteilt und das halbe Haus an Wolf Conrad Lingmann, Schneider und Krämer, verkauft.

  • 1734 erwarb die zweite Haushälfte Christoph Schneider, Schuhmacher. Weitere Besitzerwechsel folgten.

  • 1856 wurde das Haus von Johann Georg Kleemann, Uhrmacher, zum Geschäftshaus umgebaut.

  • 1877 erwarb es der jüdische Kaufmann Samuel Seeberger.

  • 1908 ging es an dessen Witwe Jeanette, geb. Oberdorfer, über.

  • 1919 erhielten das Haus im Erbgang die Töchter  Martha und Hedwig Seeberger.

  • 1942 wurde es durch den "städtischen Abwesenheitspfleger der jüdischen Eigentümer"  verkauft an Artur Riegel, Beruf Seiler;

  • 1960 meldete er die Seilerei ab und das Haus ging an seine Tochter Sophie Elise Riegel.

Die Geschichte des Hauses und der Familie

Im Jahr 1856 wurde das Erdgeschoss des Hauses zu einem Geschäft umgebaut. Der damalige Besitzer war der Uhrmacher Johann Georg Kleemann. Doch schon im Jahr danach veräußerte er es an den jüdischen Kaufmann Samuel Seeberger, der mit Jeanette, geb. Oberdorfer, verheiratet war. Sie ist auch weiterhin in den Unterlagen als Jeanette Oberdorfer geführt,  z.  B. als das Haus an ihre Töchter Martha und Hedwig Seeberger vererbt wird.

Tochter Martha heiratet am 01.031921 den Kaufmann Aron Klein aus Badolo,  ist aber weiterhin als Eigentümerin des Hauses Marktplatz 35 geführt. Zusammen mit ihrem Mann führt sie von 1909 bis 1937 dort ein Haushaltswarengeschäft, in dem vor allem Geschirr und Glasplatten verkauft wurden.

Nachdem Kantor Rehfeld im Oktober 1933 in den Ruhestand versetzt worden war, übertrug die Kultusverwaltung dessen Aufgabenbereich teilweise an das Ehepaar Klein. So war Aron Klein an den Wochentagen für das Vorbeten in der Synagoge zuständig, während seine Ehefrau Martha für das Ritualbad verantwortlich war.

Aufgrund der Repressalien gegen jüdische Mitbürger und auch wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäftsleute gaben sie 1937 ihr Geschäft auf,  verließen jedoch erst am 25.01.1939 Gunzenhausen und wanderten nach Prag aus. Das Haus ging in den Besitz der Stadt über. 


Das Haus Marktplatz 35 (im Bild ganz rechts) im Jahre 1885.
Aus "Gunzenhausen in alten Ansichten" von W. Lux

Nach Angaben der jetzigen Besitzerin haben die ‚Nazis’ in dieser Zeit den Restbestand des Geschäftes ausverkauft. Arthur Riegel mietete die Geschäftsräume von der Stadt für seine Seilerei, die er vorher neben dem Blasturm in der Rathausstraße betrieben hatte.  Für die übrig gebliebenen  Bierkrüge, die noch im Laden standen, musste er an die Stadt 100 RM bezahlen. 

Wegen der besseren Geschäftslage entschied sich die Familie Riegel 1942 das Haus zu kaufen.  Zu diesem Zweck nahmen  sie Kontakt zu dem Ehepaar Klein  in Prag auf.  Als Antwort schrieben diese, sie hätten darauf keinen Einfluss mehr. Daraufhin wurde der Kaufpreis an die Stadt bezahlt.  Bisher konnten wir noch nicht klären, wie viel er betragen hatte. 

Zu dieser Zeit war der hintere Anbau noch an einen Rechtsanwalt vermietet.  Herr Riegel nutzte ihn später als Seilerwerkstatt. 

1946, als die amerikanische Militärverwaltung alle Eigentumsverhältnisse aus jüdischem Besitz überprüfte, versuchten die Riegels wieder Kontakt mit den Kleins in Prag aufzunehmen, um die Rechtmäßigkeit des Kaufvorganges bestätigen zu lassen. Doch die Briefe kamen unbeantwortet zurück. Das Schicksal des Ehepaares ist nicht geklärt, doch wird vermutet, dass sie in einem Konzentrationslager ums Leben gekommen sind. Offiziell wurden sie 1953 für tot erklärt zum 08.05.1945.

Auch Briefe nach Israel zu Verwandten blieben unbeantwortet.

Nun musste für das Haus von 1946 bis 1956 Miete bezahlt werden. 1956 kam es zu einer abschließenden Verhandlung in Nürnberg. Aufgrund des Urteils wurde der Kaufpreis noch einmal eingefordert. An wen er allerdings bezahlt worden ist, wusste Frau Riegel nicht mehr.

Ansprüche Dritter wurden in diesem Urteil allerdings von nun an ausgeschlossen. 

Kurze Zeit danach besuchte ein Verwandter der Familie Seeberger aus Israel  Gunzenhausen und erkannte im Hause der Riegels  Möbel aus seiner Familie.  Aufgrund des Urteils konnte er jedoch keinen Anspruch mehr darauf erheben. 

Im Jahr 1960 meldete Arthur Riegel seine Seilerei aus Altersgründen ab, betrieb jedoch den Laden mit Frau und jüngerer Tochter weiter. Seit 1980 führte die ältere Tochter Sophie Elise Riegel das Geschäft, in dem sie Bastelmaterialien und  Wachstischtücher verkaufte. 

Sie hat uns noch kurz vor ihrem Tod im Sommer 2001 die Geschichte dieses Hauses erzählt.

Im Hof hatte Herr Samuel Seeberger einen Kastanienbaum gepflanzt, der erst in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts gefällt wurde.

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Last updated 2003-08-04 by Franz Müller