Stephani-
Volksschule

Grundschule

Hauptschule

Termine

Aktuelles

Schulgeschichte

Jüdisches Leben
in Gunzenhausen

eMail

Stephani-Volksschule Gunzenhausen

Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Sven Seltmann und Dorothea Mast

   Geschichte des Hauses Bahnhofstraße 35


Das Haus Bahnhofstraße 35 heute

 

Bauherr:

Johann Huber, Maurer

Baujahr:

1893

Besitzerwechsel:

1906 an Siegfried Wertheimer, Baumaterialiengeschäft

1920 verkauft an Dr. Karl Rothschild,
praktischer Arzt

1935 vermietet und 1936 verkauft an die Bezirkstierarzteheleute 
Dr. Georg Wagner und Frau Rosa

Weiteres Schicksal der Familie Rothschild

1935 Wegzug nach München

1939 Emigration nach England
1940 Auswanderung nach Amerika

 Geschichte des Hauses und der Familie

Am 11.06.1892 wurde Karl Rothschild in Schlüchtern als Sohn von Isaak Rothschild und Karoline Kellermann geboren. Seine Mutter stammte aus Gunzenhausen, die Geschichte ihrer Familie ist unter Marktplatz 40 nachzulesen.

Dr. Karl Rothschild
Dr. Karl Rothschild
© Hannah Cherlow

In erster Ehe war er mit Thekla Katzenstein, geb. am 23.12.1896 in Pfungstadt, verheiratet. Um 1919 kamen sie nach Gunzenhausen und wohnten zunächst in der Seckendorffstraße 7. Im Jahr 1920 kauften sie von der Familie Wertheimer, die nach München gezogen war, das Haus in der Bahnhofstraße 35 für 32 500 RM. Hier eröffnete Dr. Rothschild seine Arztpraxis und im Laufe der folgenden Jahre wurden hier die vier Kinder der Familie geboren.

1. Max Michael

* 20.02.1921

2. Manfred

* 21.03.1922 und + 29.12.1922

3. Hannah Helena

* 24.12.1924 und + 16.09.2012

4. Eva

* 22.03.1929

Die Geschwister Rothschild heute: Hannah Cherlow, Dr. Max Rothschilc und Eva Milligan
Die Geschwister Rothschild heute: 
Hannah Cherlow, Dr. Max Rothschild und Eva Milligan (von links)
© Hannah Cherlow

Am 26. März 1933 ereilte die Familie ein Schicksalsschlag: Frau Thekla Rothschild starb.


Anzeige aus dem Altmühl-Boten von 1929

Dr. Karl Rothschild blieb zunächst in Gunzenhausen, wo er ein sehr angesehener und großzügiger Arzt war, der Berichten von Zeitgenossen zufolge auch ohne Rechnung behandelte, wenn jemand in Not war.

Umso bedrückender und unverständlicher ist das, was die Familie in dieser Zeit in Gunzenhausen erleben musste.

Tochter Hannah Cherlow, die heute in Israel lebt, berichtete uns:

Meine Mutter starb im März 1933 und schon im Sommer des darauffolgenden Jahres wurde mein Vater zu dem hiesigen jüdischen Gasthof gerufen, da zwei jüdische Männer von Nazis umgebracht worden waren. 

Im Februar 1934 war die Bar Mizwah meines Bruders und unsere Verwandten aus München waren zu Besuch da. Ich erinnere mich, dass an diesem Tag von der Straße aus Steine in unsere Fenster geworfen wurden, so dass sie alle zertrümmert waren. 

Mein Vater heiratete 1934 wieder und zwar eine Cousine meiner Mutter (Henriette Tuch, * 14.09.1904 in Erlangen).

Eines Tages kam mein Bruder weinend von der Realschule nach Hause, weil ihm Mitschüler aufgelauert und ihn geschlagen  hatten. Von da an weigerte er sich, weiterhin in diese Schule zu gehen. Er war der jüngste Schüler seines Jahrganges, nachdem er eine Klasse übersprungen hatte.

Meine Eltern schickten ihn daraufhin nach München in die Schule.

Schon ein Jahr später, am 7. November 1935,  meldete sich die Familie nach München ab. In der Tierschstraße 19 eröffnete Dr. Karl Rothschild eine neue Praxis.

Ein Jahr lang stand das Haus leer und zwischenzeitlich lagen wohl Kaufangebote vor.

Im Juni 1936 beginnt der Briefwechsel mit dem Bezirkstierarzt Dr. Georg Wagner aus Gunzenhausen. Beide kennen sich seit 1929, als der aus Forchheim stammende Tierarzt nach Gunzenhausen versetzt wird und ein Jahr lang bei den Rothschilds zur Miete wohnt. Dr. Wagner zeigt Interesse an dem Haus und bekommt es zu 22 500 RM angeboten.


Bezirkstierarzt Dr. Georg Wagner
Gemälde aus dem Besitz der Familie Wagner

Ein vollständig erhaltener Briefwechsel dokumentiert die Verhandlungen zwischen den beiden Herren, die am 4. August 1936 ihr Ende in der notariellen Beurkundung des Hausverkaufs an die Bezirkstierarzteheleute Dr. Georg und Rosa Wagner finden. Für 17 000 RM plus 2 344 RM Wertzuwachssteuer wechselt das Haus den Besitzer. Dr. Georg Wagner zieht mit Frau und Sohn Hermann ein und eröffnet hier seine Tierarztpraxis.

Bisher wussten wir nur, dass die Familie Rothschild München nach wenigen Jahren wieder verlassen hat und nach Amerika ausgewandert ist. Tochter Hannah berichtete uns über das weitere Schicksal der Familie:

1935 zogen wir alle nach München, nachdem mein Vater das Haus zu einem relativ niedrigen Preis an einen Tierarzt verkauft hatte.

Am 9. November 1938 wurde mein Vater in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Mein Bruder, der zu dieser Zeit eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvierte, damit er in Palästina Arbeit finden wird, kam nach Buchenwald in das Konzentrationslager. 

Im Dezember 1938 wurde mein Vater wieder entlassen, ebenso mein Bruder, der sofort nach Holland emigrierte.

Mich schickte man im März 1939 mit einem Kindertransport zu einer Familie nach London und meine Schwester kam auf die gleiche Weise in ein Kinderheim nach Glasgow in England. Zwei Wochen vor dem Ausbruch des Krieges kamen auch meine Eltern nach London. In München mussten sie unsere beiden Großmütter zurücklassen, die später von den Nazis ermordet wurden. 

Im März 1940 konnten meine Eltern, meine Schwester und ich in die USA emigrieren. Wir ließen uns in Malden, Massachusetts, einem Vorort von Boston, nieder. 

Mein Vater begann ein Studium für das medizinische Staatsexamen und meine Mutter arbeitete in einer Fabrik, während meine Schwester und ich die Schule besuchten.

Später schloss ich an der Universität als Ingenieurin ab und begann 1946 in New York zu arbeiten. Mein Vater wurde als Arzt in Massachusetts zugelassen und begann dort zu praktizieren.

Mein Bruder hielt sich in Holland auf einem Bauernhof versteckt und lebte zwei Jahre lang mit einem anderen jungen Mann in einer Dachkammer. Als Holland befreit wurde, kam auch er in die USA.

Nach dem Krieg, 1946, besucht der Sohn Max Rothschild Gunzenhausen und sein Elternhaus. Über diesen Besuch berichtete uns Herr Mike Rohrbach aus den USA, der Max Rothschild für uns gefunden hat:

Max ist tatsächlich nach dem Krieg noch einmal in Gunzenhausen gewesen, doch als er die zerstörte Synagoge und den verwüsteten jüdischen Friedhof sah, beschloss er, nie mehr zurück zu kehren.

Dies ist der letzte bekannte Besuch eines Familienmitgliedes in Deutschland.

Kurz danach bekommt die Familie Wagner die Mitteilung, dass nach einer Entschließung der amerikanischen Militärregierung alles Eigentum, das von jüdischen Besitzern erworben worden ist, unter Sperre und Beaufsichtigung fällt, sofern man nicht den Nachweis erbringen kann, dass der Kauf nicht unter Zwang, Drohung oder in rechtswidriger Weise geschehen ist. Dieser Nachweis musste schriftlich durch den früheren jüdischen Besitzer oder dessen gesetzlichen Erben erfolgen.

Die Familie bezahlt ab jetzt Miete für das Wohnrecht in dem Haus.

Nun war allerdings der Kontakt zwischen den beiden Familien inzwischen abgebrochen. In seiner Not wendet Dr. Wagner sich an die Stadt Amsterdam und bittet um Mitteilung der Adresse von Max Rothschild, der dort studieren soll.

Offensichtlich ist ihm die Anschrift zugesandt worden, da nun erneut ein vollständig erhaltener Briefwechsel seinen Anfang nimmt. Im Januar 1947 erbittet er von Dr. Rothschild eine schriftliche Bestätigung mit dem Hinweis, dass ihm das Haus damals ohne Druck seinerseits verkauft worden sei und dass er auf eine Wiedergutmachung keinerlei Anspruch erhebe.

Erst im Oktober 1948 erhält er aus den USA die gewünschte Erklärung.

Beigefügt ist dem Brief jedoch noch eine persönliche Notiz.


October 20, 1948

Sehr geehrter Herr Reg. Vet. Rat!

        Inliegend finden Sie die gewünschte Erklärung.
Ich ließ die Worte "Zwang" und "Drohung" weg, da ich
doch moralisch gezwungen war (ich bitte das absolut
unpersönlich aufzufassen), das Haus zu verkaufen
und Gunzenhausen zu verlassen.

        Indem ich Ihre Grüße aufs beste erwidere, bin 

ich

Ihr sehr ergebner

Karl Rothschild

Damit endete der Kontakt zwischen den beiden Familien.

Leider ist Herr Max Rothschild bis heute nicht mit dem Schicksal der jüdischen Gemeinde Gunzenhausens und v. a. seiner Familie versöhnt. Herr Rohrbach schrieb uns:

Ich fand Max Michael Rothschild in New Jersey und habe heute (18. Dezember 2002) mit ihm gesprochen.

Er war sehr freundlich und sprach sehr offen darüber, dass er keinen Kontakt zu Gunzenhausen mehr haben möchte.

Das tut uns sehr leid. Wir freuen uns daher besonders über den Briefwechsel mit seiner Schwester Hannah, die uns über das Leben der Familie in den USA und in Israel berichtet:

Meine Schwester war die Vizepräsidentin eines Junior Colleges in Seattle, Washington, und mein Bruder war einer der Direktoren des Jüdischen Theologie Seminars in New York. Ich wurde Maschinenbau – Ingenieurin ... 1948 heiratete ich und zog 1949 mit meinem  Mann nach Israel. Er arbeitete hier 30 Jahre lang bei der ELAL Fluglinie als Betriebswirtschaftler, und ich arbeitete erst als Patent-Prüfer und später als Patent-‚Agent’.

Inzwischen sind wir beide im Ruhestand ... Mein Mann und ich sind davon überzeugt, dass Israel das einzige Land ist, in dem Juden frei leben können ...

Mein Vater starb 1978 und meine Mutter 1991. Beide sind in Jerusalem begraben.

Die Bsamimbüchse (aus der Synagoge) war im Haus meiner Eltern. Ich bekam sie mit, als wir nach Israel gingen. 

Mehr dazu auf der Seite über die Ritualgegenstände aus der Synagoge von Gunzenhausen.

Frau Hannah Cherlow lebt heute zusammen mit ihrem Mann Robert in Jerusalem und unterstützt aktiv eine Organisation, die Kindern in Not hilft:

Seit 1974 unterstütze ich AMIT. Es ist dies eine Frauen-Organisation, die ein großes Bildungsnetz in Israel umfasst. Wir unterstützen 53 Institutionen, darunter zwei Kinderdörfer, in denen Kinder aus nicht mehr intakten Elternhäusern leben und versorgt werden. 

In Israel sind die ersten acht Schuljahre kostenlos, doch für die 9. – 12. Klasse müssen die Eltern bezahlen. 

AMIT hilft hier mit der Übernahme der Unterrichtsgebühren und bezahlt auch zusätzliche Unterrichtsstunden, damit die Schüler bessere Abschlüsse erzielen. Wir unterstützen auch die Anschaffung von Brillen, zahnärztliche Behandlung, psychologische Hilfe und Fahrtkosten für bedürftige Schüler.

Jede Art von finanzieller Unterstützung ist der Organisation willkommen. Auskünfte erteilt Frau Cherlow unter

robertcherlow@hotmail.com  

Ihre Adresse kann bei uns nachgefragt werden. 


Bis heute unverändert: 
Die Sprechzimmertüre der Praxis Dr. Rothschilds

Namenliste „Haus Bahnhofstraße 35“

* geboren  + gestorben  & verheiratet mit  ( ) Jahr des Besitzerwechsels

Huber, Johann
Katzenstein, Thekla, 1. Frau & Dr. Karl Rothschild

Kellermann, Karolina & Isaak Rothschild

Rohrbach, Mike (Michael?)
Rothschild, Isaak & Karoline, geb.
Kellermann
Rothschild, Dr. Karl & 1. Frau Thekla Katzenstein 
                                   & 2. Frau Henriette Tuch

Rothschild, Max Michael
Rothschild, Manfred
Rothschild, Hannah Helene & Robert Cherlow
Rothschild, Eva

Tuch, Henriette, 2. Frau & Dr. Karl Rothschild
Wagner, Dr. Georg & Frau Rosa
Wagner, Hermann
Wertheimer, Siegfried

Zurück zur Übersicht Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Zurück zur Übersicht Jüdisches Leben

Zurück zur Übersicht Jüdisches Leben in Gunzenhausen

Zurück zu den Bildungsseiten der Stadt


Last updated 2012-10-01 by Franz Müller